Die Kohle geht – Wissenschaft und Technologie sollen kommen | Freie Zeitungswesen

Entsteht in den Granitformationen der Lausitz die unterirdische Zentrale eines Gravitationsteleskops? Der Bau eines solchen Detektors von durch den Weltraum schwappenden Schwerkraftwellen, die den Raum strecken und stauchen können, schwebt einem von sechs Projektentwicklerteams vor, deren Vorschläge für zwei geplante neue Großforschungszentren…

Entsteht in den Granitformationen der Lausitz die unterirdische Zentrale eines Gravitationsteleskops? Der Bau eines solchen Detektors von durch den Weltraum schwappenden Schwerkraftwellen, die den Raum strecken und stauchen können, schwebt einem von sechs Projektentwicklerteams vor, deren Vorschläge für zwei geplante neue Großforschungszentren diese Woche die jüngste Hürde nahmen.

Eine 15-köpfige Wissenschaftskommission, der auch Astronaut Alexander Gerst und Nobelpreisträger Stefan Hell angehören, wählte das Konzept eines Deutschen Zentrums für Astrophysik zusammen mit fünf weiteren Konzepten aus – und zwar aus rund 100 zum Wettbewerb eingereichten Projekten allesamt hochrangiger Wissenschaftler.

Die bereits zugesagten Großforschungszentren sollen in den abzuwickelnden Braunkohlerevieren im Raum Leipzig/Halle und in der Lausitz den Strukturwandel flankieren. Bis 2038 stellt allein der Bund für jedes der Forschungszentren 1,25 Milliarden Euro zur Verfügung.

“Wir müssen große Anstrengungen unternehmen, um den Klimawandel einzudämmen. Deswegen hat Deutschland unter anderem beschlossen, den Braunkohleabbau zu beenden und auf erneuerbare Energien zu setzen. Das stellt die betroffenen Regionen mit ihren Braunkohlerevieren vor große Herausforderungen”, kommentierte Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU). Klimaschutz und Kohleausstieg böten so aber die Chance, die Wirtschaft auf eine nachhaltige Grundlage zu stellen und neue Arbeitsplätze in Zukunftsbranchen zu schaffen. Karliczeks sächsischer Ressortkollege, Wissenschaftsminister Sebastian Gemkow (CDU), freute sich über einen “tollen Tag” für Sachsen. “Wir reden von rund 1500 Mitarbeitern pro Standort. Und alle Konzepte widmen sich existenziellen Fragen der Menschheit”, sagte Gemkow der “Freien Presse”. Da gehe es um Themen der nächsten Jahrzehnte. “Keine, die in drei bis fünf Jahren ausgeforscht sind”, so Gemkow.

Das vorgeschlagene Deutsche Zentrum für Astrophysik würde in Sachsen riesige Datenströme zukünftiger Großteleskope verarbeiten. Auch soll in einem Technologiezentrum Regelungstechnik für Observatorien entwickelt werden. Das Gravitationswellenteleskop wäre das Tüpfelchen auf dem i. 2017 bekamen drei Wissenschaftler für ihren Anteil an der Beobachtung und somit für den Nachweis der schon von Einstein theoretisch vorhergesagten Gravitationswellen einen Nobelpreis. Eine neue Generation sogenannter Einstein-Teleskope soll die Beobachtung präziser machen.

Neben dem Astrophysikzentrum ist noch ein Projekt mit Weltraum-Bezug im Rennen. Carsten Dreben-stedt, Professor an der Bergakademie Freiberg, reichte ein Konzept zur Erforschung wissenschaftlicher und technologischer Grundlagen ein, die nötig sind, um Stationen auf Mond und Mars zu betreiben. Dafür zu entwickelnde Technologie leiste auch auf der Erde einen Beitrag, Ressourcen effektiver und umweltschonender zu nutzen, glauben die Forscher.

Das aus Potsdam eingereichte Projekt “Chemresilienz” will im Mitteldeutschen Revier eine gegen Ausfälle resistente Kreislaufwirtschaft für chemische Erzeugnisse etablieren. Es geht um Zulieferungen für wichtige Industriezweige wie Gesundheit, Verkehr, Energie, Landwirtschaft, aber auch Konsumgüter. Kurze Transportwege seien ebenso wichtig wie lokale, günstige und nachhaltige Produktion.

Ein Zentrum zur Klima- und Innovationsforschung soll Daten und Wissen bündeln. Auf der Basis massenhaften Dateninputs wollen die Leipziger Einreicher “digitale Zwillinge” von Ökosystemen schaffen. An denen wären Handlungsoptionen für den Klimaschutz zu simulieren – mit Fokus auf Land-, Forst- und Wasserwirtschaft, aber auch auf künftiges Planen bewohnter Ballungsräume, auf Energieversorgung, Gesundheit und Mobilität.

Ebenfalls aus Leipzig kommt ein Konzept für ein Medizinforschungszentrum. Die Einreicher nehmen neue Technologien in den Fokus, Medizin zu digitalisieren und Therapien patientengenau zurechtzuschneidern. Auf Basis künstlicher Intelligenz und durch die Auswertung von Big Data seien bald softwarebasierte Wirkstoffmodellierung, Zell- und Gentherapien möglich. Es entstünde ein Hochtechnologie-Zentrum der biomedizinischen Forschung.

Auf einen “Paradigmenwechsel im Bauwesen” setzt dagegen das von Bauingenieur Professor Manfred Curbach von der TU Dresden eingereichte Konzept “Lausitz Art of Building”, zu deutsch die “Lausitzer Kunst des Bauens”, kurz “Lab”. Seine Zielvorgaben: Ressourcen-Effizienz, Entwickeln klimaneutraler Werkstoffe und Modulplanung von Bauwerken, die dadurch lange zu nutzen, hochflexibel und im Extremfall umfunktionierbar wären. So wäre der bislang ausufernde Ressourcenverbrauch im Bauwesen zu mindern. Die Lausitz könnte arbeitsplatzwirksam zur europäischen Modellregion für nachhaltiges Planen und Bauen werden.

Jedes dieser sechs Konzepte wird nun zunächst mit bis zu einer halben Million Euro gefördert. Die Einreicher sollen ihre Konzepte mit benötigter Infrastruktur und Kräftebedarf belastbar unterlegen. Externe Wissenschaftler prüfen dann alles erneut. Ab Sommer 2022 sollen die beiden besten Konzepte dann in die Aufbauphase gehen.

Und wenn es statt zweier Konzepte drei oder gar mehr gleichrangige gibt? Sachsens Wissenschaftsminister Gemkow überlegt kurz: “Wir stellen als Freistaat unsere Wissenschaftsförderung ja auch nicht ein, sondern fördern andere Ansätze weiter”, sagt er. Ein jährlicher Förderetat von 170 Million Euro indes, wie er für jedes der beiden Großforschungszentren avisiert ist, dürfte dann aber unerreichbar sein.