Die hohe Kunst des Chorgesanges – Vorarlberger News

HOHENEMS So hat man die unglaublich diffizile Chormusik des Liechtensteiner Romantikers Josef Gabriel Rheinberger wohl noch nie gehört wie am Sonntag beim Abschluss der Chor- und Orgeltage durch den von Benjamin Lack geleiteten Kammerchor Feldkirch. Dieser kann sich damit ohne Umschweife in die Reihe der international renommierten Top-Chöre einordnen, die hier schon gastiert haben.

Begonnen hatte die 31. Ausgabe mit einem gehaltvollen Orgelkonzert des Wieners Roman Summereder und einem von den Lehrern gestalteten Porträt der tonart-Musikschule. Der Erfolg des dritten Konzertes beruht auch darauf, dass die beiden Kuratoren Peter Amann und Christoph Wallmann neben der Qualität stets auch um eine aufgelockerte Darbietung bemüht sind. So wird auch diesmal der Schwerpunkt mit Chormusik von Rheinberger durch verschiedene Schauplätze und Begleitinstrumente variiert. Das beginnt auf der Empore bei der Gollini-Orgel, an der Domorganist Johannes Hämmerle der schlichten, wunderbar fließenden vierstimmigen Vertonung des „Stabat mater“ seine selbstbewusste, aber nie zu vordergründige Begleitung gibt. Dafür darf er gleich danach solistisch in überzeugendem Zugriff auftrumpfen mit Mendelssohns erster Orgelsonate, die Rheinbergers Werk klanglich ideal auf einer anderen Ebene fortführt, teils kontemplativ, in den Ecksätzen im farbmächtigen Pleno aufrauschend.

Vorne im Altarraum erklingt vom Frauenchor Rheinbergers innige Motette „Wie lieblich sind deine Wohnungen“. Die Begleitung dazu kommt vom überlegenen rumänischen Harfenisten Viktor Hartobanu, der danach, in etwas zu romantischer Ausdeutung, den besonderen Reiz seines Instruments an drei Choralbearbeitungen von Bach erprobt. Das Hauptwerk ist Rheinbergers bei uns selten aufgeführte „Cantus Missae“ für Doppelchor a cappella von 1884. Das heißt in der Praxis, dass sich der 26-köpfige Kammerchor für dieses unbegleitete Werk auf zwei gleiche vierstimmige Chöre aufteilt, was pro Stimme nur etwa je drei Personen und damit eine besondere Anforderung bedeutet. Da ist schon absolute Sicherheit in Intonation und Gestaltung von Jeder und Jedem gefragt und ein mehrwöchiges Probenvolumen, anderes lässt der unerbittliche, stilsichere und erfahrene Chorleiter Benjamin Lack nicht durchgehen. So aber gelingt ihm eine Wiedergabe von großer technischer Sicherheit und Sauberkeit, getragen auch von größter Klarheit in der kunstvoll ineinander verflochtenen polyphonen Stimmführung. Und damit entsteht an diesem extrem schwierigen Beispiel wirklich das, was man die hohe Kunst des romantischen Chorgesanges nennen könnte: eine Geschlossenheit und Homogenität des Klanges, die gerade in dieser großräumigen Kathedral-Akustik zur Wirkung kommt.

Rheinberger verfügte in seiner geistlichen Chormusik über eine mustergültige Satztechnik, die er ebenso beherrscht hat wie den Kontrapunkt und bei der ihm die Tradition des gregorianischen Chorals auch über die ersten Dissonanzen der neueren Zeit gingen. Deshalb ist bei den Zuhörern bis heute auch der wohlig-warme, weiche Charakter seiner Chormusik so beliebt. In der relativ knappen linearen Vertonung dieser Messe finden sich dazu viele Beispiele, etwa eine Fuge am Ende des Glorias oder die Imitationen zwischen beiden Chören am Beginn des Credos. Die einzig logische Zugabe nach dem langen und herzlichen Applaus ist Rheinbergers sechsstimmige Motette „Bleib bei uns, Herr“. FRITZ JURMANN

Rundfunk: 22. November, 21.05 Uhr, Radio Vorarlberg                 

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