Désirée Nick: „Zwischenmenschliches sollte man von welcher Internetpolizei erlösen“

Wie findet man mit 50 plus die Liebe, worauf kommt es jetzt bei der Anbahnung einer Beziehung an? Und wie kann man überhaupt neue Bekanntschaften knüpfen? Kabarettistin Désirée Nick hat sich mit Moderatorin Inka Bause über diese Fragen ausgetauscht. Bause wirbt aktuell für die Online-Datingseite zweisam.de, die sich speziell an Menschen über 50 richtet.

ICONIST: Was macht einen guten Flirt aus?

Désirée Nick: Wichtig ist, dass beide wollen. Wenn einer genervt ist, hat die Sache keine Chance. Das Wichtigste ist also Einfühlungsvermögen, Empathie und dass man sich nicht langweilt.

Inka Bause: Ich bin bekannt, seit ich 16 war. Deshalb wusste ich oft nicht: Flirtet da gerade jemand mit mir? Oder kennt er mich einfach aus dem Fernsehen? Bei einem Mann wusste ich aber, dass er flirtet: Wolfgang Rademann, der Produzent des „Traumschiffes“, ein toller Mann, der keine Angst hatte, wegen einer schlüpfrigen Bemerkung angezeigt zu werden. Mit Dekolleté konnte man ihm eine Freude machen, er kam mit über 80 auf mich zu und sagte: „Kleene, siehst Du heute wieder gut aus!“ Dabei hat er mir nicht in die Augen geguckt. Solche charmanten Flirts sterben leider aus.

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ICONIST: Zum Glück, finden wohl viele Frauen. Ist Sexismus nicht längst fehl am Platz beim Flirten?

Bause: Es kommt immer darauf an, wer flirtet. Wolfgang Rademann war hochintelligent, ein wunderbarer Mensch (er ist 2016 verstorben, Red.). Ich wusste, der reduziert mich nicht auf meinen Busen, sondern weiß einfach meine Weiblichkeit zu schätzen. Ich glaube, man ordnet solche kleinen Flirts eher als sexistisch ein, wenn man Angst hat, von Männern darauf reduziert zu werden. Ich habe mich aber noch nie durch ein Kompliment herabgesetzt gefühlt, weil ich ein gutes Selbstbewusstsein habe.

Nick: In homosexuellen Kreisen zeigen sich die Leute gegenseitig an, wenn sie sich nicht ans Geschlechtsteil fassen! Wenn einer dem anderen auf den Hintern klatscht, wird das als ganz normales Kompliment aufgefasst. Man kann diese Dinge nicht auf dem Reißbrett in Gesetze gießen, es ist immer eine Gratwanderung. Aber gerade die zwischenmenschlichen Dinge sollte man von der Internetpolizei befreien!

ICONIST: Ging es denn früher freier und entspannter beim Daten zu?

Nick: In den 68ern in Berlin war es definitiv freier. Da sind die Leute nackt herumgelaufen und hatten offene Türen und jeder konnte bei der Gangbang-Party mitmachen. In der jüngeren Generation sind die ja wieder angesagt, viele wollen da nicht einmal ein Kondom verwenden. Da bekomme ich aber lieber ein Kompliment für meine tollen Stiefel. (lacht)

ICONIST: Sie sind beide Singles. Was ist das Schöne daran?

Nick: Die Unabhängigkeit. Ich kann mich zu 100 Prozent meinem Leben, meinem Beruf widmen und muss keine Kompromisse eingehen. Man hat sich in der Mitte des Lebens viel erarbeitet und erkämpft, das kann man nicht mehr so leicht über Bord werfen. In jugendlicher Unabhängigkeit ist man vielleicht risikofreudiger.

Bause: Genauso so, das unterschreibe ich.

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ICONIST: Ist es mit Ü50 anstrengender als in jungen Jahren, noch einmal einen Partner zu finden?

Nick: Ab 30 ist man nicht mehr jung. Man ist also die längste Zeit des Lebens nicht jung – und kann froh sein, dass es so ist, denn die Alternative wäre ja, früh zu sterben und das wünsche ich keinem. Mit 50 hat man viele belastende Fragen hinter sich, muss sich nicht mehr mit der Karriere oder dem Hauskauf herumschlagen. Und dann kommen noch einmal 50 Jahre, da kann man noch spielend eine Silberhochzeit anvisieren! Man ist auf dem Zenit, aber die Aussichten sind spektakulär. Zumal jetzt endlich die Zeit ist, sich und sein Lebensglück in den Mittelpunkt zu stellen. In dieser Lebensphase gibt es doch eine immense Kapazität für Zweisamkeit. Wie viele Stunden verbringen junge Ehepaare denn wirklich miteinander, wenn beide arbeiten und sich um die Kinder kümmern?

ICONIST: Und kommen auch neue Probleme in der Liebe hinzu?

Bause: Jeden Tag kommen neue Probleme hinzu! Das ist keine Altersfrage. Es kann auch mit Mitte 20 passieren, dass der Partner vom Bus angefahren und zum Pflegefall wird. Man darf sich einfach nicht scheuen, die Probleme anzupacken und weiterzumachen.

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Den richtigen Partner kann man auch mit Ü50 (noch einmal) finden

ICONIST: Und welchen Rat geben Sie Menschen mit über 50, die sich neu verlieben wollen?

Bause: Ich finde Online-Portale super, gerade in Corona-Zeiten kann man so gut jemanden finden. Hoffnung ist das Schönste! Wenn man einen Lottoschein kauft, stellt man sich ja auch schon mal vor, was man mit den Millionen anstellen wird. Genauso ist es doch beim Online-Dating.

Nick: Man begegnet dabei auch Menschen, die man sonst nie getroffen hätte. Die meisten verbringen ihre Zeit doch immer in derselben Soße von Kollegen und Verwandten und Nachbarn. Online zu suchen, kann eine gigantische Inspiration sein.

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