Designierter Pforzheimer Theater-Intendant Hertel setzt aufwärts musikalische Unterhaltung – Kultur

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Diethard Stephan Haupt und Nigel Treherne gestalten „Musica ad Vesperum“

Pforzheim. „Absolutes Superglück!“ Auch ein paar Tage nach seiner einstimmigen Wahl zum Intendanten des Theaters Pforzheim ab der Spielzeit 2022/23 kann Markus Hertel kaum fassen, dass er als einziger von 68 Bewerberinnen und Bewerbern im Gemeinderat den Zuschlag bekommen hat.

Hertel ist einer, der schon seit 1987 in der Theaterlandschaft unterwegs ist. Warum er sich in Pforzheim beworben hatte? Im Laufe der Jahre habe er festgestellt, dass er am liebsten in Häusern mit hiesiger Größe arbeitet. „Ich bin kein Mann fürs Staatstheater, sondern eher für städtische Bühnen, mit direktem Kontakt zum Publikum. Wo man Theater für eine Stadt machen kann und konkret weiß, wofür man Kultur macht.“ Dabei freut er sich vor allem auf die Vielfältigkeit. „Was mir immer Spaß macht, sind spartenübergreifende Produktionen, wo alle Kolleginen und Kollegen zusammen etwas machen.“ Das sei natürlich nur ab einer gewissen Hausgröße möglich.

Gerne hätte der 57-Jährige sich schon einige Vorstellungen während seiner Bewerbungsphase in Pforzheim angeschaut – wegen Corona ist aber bekanntlich schon seit November der Vorhang zu. Daher hat er die Stadt bislang nur bei zwei Besuchen im Rahmen seiner Vorstellung als Kandidat für die Nachfolge Thomas Münstermanns kennengelernt.

Künftig wolle der gebürtige Essener so viel Zeit wie möglich hier verbringen. Was seine ursprünglichen Planungen ganz schön über den Haufen wirft, denn erst seit dieser Saison ist Hertel künstlerischer Betriebsdirektor an den Wuppertaler Bühnen – was sich jedoch mit dem Beginn der Bewerbung um die Intendanz in Pforzheim überschnitten hatte.

Zuvor war Markus Hertel zehn Jahre lang in Flensburg am schleswig-holsteinischen Landestheater als Operndirektor tätig. Dort wohnt die Familie des Vaters dreier Kinder, wobei die beiden Söhne bereits zum Studium aus dem Haus seien. Seine Tochter möchte er drei Jahre vorm Abi nicht aus dem Umfeld reißen, er selbst wolle aber in Pforzheim erst mal eine Bleibe finden. Hier soll spätestens ab Anfang 2022 sein Lebensmittelpunkt sein, um Stadt und Publikum kennenzulernen, „und nicht an den Bedürfnissen vorbeizuplanen“. Für Hertel beginnt nun die Gesprächsphase. Er will den Kontakt zu allen Mitarbeitern suchen, um ihre Wünsche zu eruieren und aufzunehmen. Seinen Führungsstil würde er so beschreiben: offene Teamleitung auf Augenhöhe. „Es gibt eine Aufgabe, die löst das Team zusammen und dafür muss man an bestimmten Punkten delegieren. Ich sehe mich nicht als den Heilsbringer, der alleine weiß, wie es geht.“

Einer seiner Schwerpunkte, wie er in seiner Bewerbung betont habe, ist das musikalische Unterhaltungstheater. Ob Oper, Operette, Musical oder Schauspiel mit Musik – damit ist Hertel seit seiner ersten Stelle beim Staatstheater am Gärtnerplatz in München sozusagen aufgewachsen. Zweiter Schwerpunkt ist das Kinder- und Jugendtheater – ein Bereich also, der in Pforzheim erst vor einer Woche neu gegründet wurde. „Das wusste ich nicht im Vorfeld, bin aber ganz glücklich darüber, denn ich sage immer: Das Kinder- und Jugendtheater-Publikum von heute ist das Theaterpublikum von morgen.“ Dafür viel zu tun, sei sehr wichtig. Auch als großer Baustein der kulturellen Bildung. „Da müssen wir unsere Aufgabe dringend wahrnehmen.“ Was insgesamt natürlich nicht heiße, dass kein Ballettabend oder kein großer Klassiker geplant werde.

Hertel sieht sich selbst als einen Regisseur, der darauf achtet, was ein Komponist oder Autor geschaffen hat. Zwar müsse man mit dem ein oder anderen Stück auch umgehen, es verändern. „Aber ich will es in seiner Intention ernstnehmen und schauen: Wo bringt mich das hin?“ Und er versuche, immer einen „Komplett-Abend“ zu inszenieren, gerade beim musikalischen Unterhaltungstheater – optisch und zeitlich solle es rund sein. „Ich finde den Begriff Spielleiter gar nicht so verkehrt: Denn machen tun es die Darsteller.“ Ab einem bestimmten Zeitpunkt der Produktion empfindet er sich als einen, der das reflektiert, was die Darsteller machen, um ihnen eine neue Ebene zu geben.