Dating mit 30: „Soeben warst du noch 22. Jetzt bist du ein Ü30-Härtefall“

Henriette Hell ist 36, unverheiratet und kinderlos. Ihre Antwort darauf? – „Ihr könnt mich mal so nehmen, wie ich bin. Mein ziemlich geiles Leben ohne Kind und Karriere“. In ihrem neuen Buch (Graefer & Unzer Edition) schreibt die Journalistin, Autorin und DJane über die zweite Pubertät mit 30, veraltete Lebensentwürfe und den Druck, sich Ü30 plötzlich Fragen und Forderungen zum Thema Hochzeit, Kinder und Karriere gefallen lassen zu müssen. Dieser Text ist dem Kapitel „Liebe und Wahnsinn“ entnommen.

Henriette Hell im Gespräch mit Julia Hackober in unserem Podcast THE REAL WORD:

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Es regnete. Ich stand am Bahnsteig Holstenstraße und wartete auf die S 31. Gesamtverfassung: so lala. Mein Blick fiel auf ein gigantisches Werbeplakat von Fernet-Branca. „Ich habe so viel Liebe zu geben, aber keiner will sie haben!“, stand darauf. Exakt so fühlte ich mich. Ich war gerade 33 geworden. Seit Monaten zog ich bloß Gestörte an wie das Licht Motten, während sich in meinem Postkasten die Einladungen zu irgendwelchen Hochzeiten stapelten. Toll. Wo war er bloß, mein Traummann? Ein zauberhaftes Wesen, das es freiwillig dauerhaft und gerne mit mir aushielt?

Na ja, irgendwann würde der schon kommen. Da war ich mir sicher. Frank Drebin lernte seine große Liebe Jane ja auch erst mit 62 kennen. Und Charlize Theron, vom Magazin Esquire zur Sexiest Woman Alive 2007 gekürt und die Frau, die Gerüchten zufolge einst Sean Penn ghostete, war auch schon mal zehn Jahre Single. Zu der Zeit bezeichnete sie ihr Liebesleben scherzhaft als trostlose Einöde. Irgendjemand müsse mal Rückgrat zeigen und sie ansprechen, sie sei auf schockierende Weise bereit für eine Beziehung. Joa, war ich auch. Schien bloß niemanden auf diesem Planeten zu interessieren, den ich selbst heiß fand.

Zerknirscht googelte ich, welche Werbeagentur denn hinter diesem zutreffenden Schnaps-Slogan steckte. Auf deren Website stand, dass die Kampagne mit dem Ziel entwickelt worden war, „bittere Wahrheiten“ in den Szenevierteln der Großstädte zu verbreiten, und „das mit provokanten Botschaften“. Okay. Ziel(-Gruppe) erreicht, ihr kleinen Pisser.

Ich stieg in die Bahn und tat das, was ich immer tat, wenn ich mein eigenes Leben schnell und effektiv aufwerten wollte: Ich schaute mir im Netz Vorher-nachher-Fotos von Crystal-Meth-Junkies und abgestürzten Ex-Teenie-Idolen an. Geil, Aaron Carter hatte sich offenbar im Drogenrausch ein Gesichtstattoo stechen lassen und beleidigte auf Instagram seine gesamte Familie!

Wer hat die Energie für Dates?

Gleich kam ich besser drauf. Mein eigenes Leben erschien mir im direkten Vergleich sofort wie Glücksbärchi-Town. Mein Gefühl ging sogar so hoch, dass ich darüber nachdachte, mich abends noch mit einem Verehrer zu treffen. Das Nervige war, dass man vorher nie ahnen konnte, ob sich der ganze Aufwand – duschen, schminken, cooles Outfit raussuchen – am Ende lohnte.

Aber hey, von nichts kommt auch nichts und der Typ ließ seit Wochen nicht locker. Er war der Mitbewohner einer Bekannten. Ein langhaariger Bohemien, der Gedichte schrieb und elektronische Musik produzierte – genau mein Ding! Allerdings eilte ihm ein gewisser Ruf voraus. „Seit ich ihn kenne, hatte er noch nie eine feste Beziehung“, steckte mir meine Bekannte. Wollte ich mir nun also ernsthaft einbilden, dass ausgerechnet ich diesen jungen Wilden würde zähmen können? Hatte ich überhaupt die Energie für ein Date? In derselben Zeit könnte ich ebenso gut zum Sport gehen, ein Buch lesen, Freunde treffen. In meiner Komfortzone bleiben. Wer nichts riskiert, kann auch nicht verletzt werden – aber auch nie den ganz großen Pokal gewinnen. Ich überlegte und überlegte…

Manchmal litt ich gefühlt an ausgeprägter Schizophrenie, was meine Vorstellungen von einem erfüllten Privatleben angingen. In der Regel war ich verdammt stolz auf mein unabhängiges und freies Leben. Schließlich hatte ich von meinen 16 Erwachsenenjahren bisher doch 13 in festen Beziehungen verbracht. Aber je älter ich wurde, desto komplizierter gestaltete sich die Sache mit den Männern. Wenn ich Single war, gab es immer wieder Tage, an denen ich glaubte, einsam sterben zu müssen, obwohl das natürlich Quatsch war. Das, was mich wirklich runterzog, waren die Dates und Liaisons mit Männern, die überhaupt nicht zu mir passten.

Es ist schon verrückt: Eben warst du noch gemütlich 22, konntest dich entspannt um dein Sexleben kümmern, Auslandserfahrungen sammeln und im Job herumexperimentieren. Über so verzweifelte Singles wie Bridget Jones oder Charlotte aus „Sex and the City“ hast du herzlich gelacht – und jetzt sitzt du plötzlich mitfühlend vorm Fernseher und denkst: Scheiße, das ist mein Leben! Mit einem Mal verabschiedet sich ein Saufkumpan nach dem anderen in die Elternzeit. Verlobung hier, Schwangerschaft da. Von allen Seiten heißt es plötzlich: „Du müsstest, solltest, könntest doch langsam auch mal …“

Sexualität mit Ü50

Fast wie in einer Sekte versuchen all die Pärchen, dich auf ihre Seite zu ziehen. Auf Partys bist du plötzlich nicht mehr der scharfe Hingucker, sondern ein schwer vermittelbarer Ü-30-Härtefall. Davor bleiben nicht mal Überfliegerinnen wie Emma Watson verschont. Neuerdings bezeichnet sich die Schauspielerin und UN-Sonderbotschafterin nicht mehr als Single – sie gibt ihren Status als „in einer Partnerschaft mit mir selbst und sehr glücklich“ an. Unterschwellige Botschaften von außen hätten sie verunsichert. „Wenn du kein Haus gebaut hast, wenn du keinen Ehemann hast, wenn du kein Baby hast und 30 wirst und nicht in einer unglaublich sicheren, stabilen Situation in deiner Karriere bist (…), gibt es da einfach unglaublich viele Ängste.“ I feel you, Emma.

Wo ist der Traummann?

Irgendwo habe ich gelesen, dass man statistisch gesehen 100 Menschen daten muss, um jemanden zu finden, der halbwegs zu einem passt. Mal im Ernst: Wer hat denn so viel Zeit? Da müsste man für ein halbes Jahr raus aus seinem Job, um fortan hauptberuflich auf Partnersuche zu gehen. Und die ist nichts für schwache Nerven.

Erst neulich hatte ich eine Verabredung mit einem (vermeintlich) sehr attraktiven Mann, den ich über eine Dating-App kennengelernt hatte. Wir schrieben eine Woche lang hin und her, telefonierten sogar miteinander, um etwaige geistige Mängel ausschließen zu können. Er betonte währenddessen ständig, nicht an oberflächlichen Frauen interessiert zu sein. Laut seinem Profil maß er nämlich nur 1,60 Meter. Mich störte das nicht, weil ich selbst genauso klein bin. Und aus meinem Freundeskreis wusste ich, dass kleinere Männer häufig besonders charismatisch und unterhaltsam waren. Also trafen wir uns. Er kam extra aus einer anderen Stadt angefahren und klingelte an meiner Tür.

Durch meine gläserne Flurtür sah ich das Unglück schon von Weitem: Der Typ war …winzig! Er maß allerhöchstens 1,50 Meter und versuchte, dies mit einem völlig übertriebenen Johnny-Depp-Gedächtnis-Outfit zu kompensieren. Der lederne Hut, den er trug, war mindestens zehn Zentimeter hoch, daran waren allerlei Federn und Perlen befestigt. Zudem hatte sich der Mann über und über mit Schmuck behängt. Sein Motto schien zu lauten: „Mehr ist mehr.“ Allerdings lenkte sein exaltierter Stil nicht von seiner Größe ab, sondern kreierte vielmehr ein völlig skurriles Gesamtbild. Mir war nach zwei Sekunden klar, dass aus uns niemals etwas werden könnte. Meine Stimme nahm sofort eine mütterliche Nuance an.

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Aber irgendwie wollte ich noch nicht so richtig wahrhaben, dass nun alles umsonst gewesen sein sollte. Ich wollte dem Burschen eine echte Chance geben! Denn er war wirklich attraktiv und wir konnten uns wunderbar unterhalten. Als wir an einem Eisstand vorbeikamen, bot ich intuitiv an, ihm eine Kugel zu spendieren. Anschließend kehrten wir in ein Restaurant ein. Nach einem Glas Wein und weil er ja die ganze Zeit saß, hatte ich für eine Millisekunde das Gefühl: Hm, das könnte vielleicht doch noch etwas werden.

Aber kaum dass wir wieder nebeneinanderher spazierten, war alles aus und vorbei. Und ich schämte mich. Dafür, dass ich offenbar doch oberflächlicher war, als ich es mir je hatte eingestehen wollen. Früher hatte ich mich immer über meine Freundin Sabbel lustig gemacht, die ihre Dates in allererster Linie nach der Größe auswählte. Unter 1,90 Meter kam ihr keiner ins Bett, weil sie selbst sehr groß ist. Ich hatte das immer als völlig übertrieben empfunden.

Jetzt war ich selbst an diesem Punkt. Mehr als eine platonische Umarmung zum Abschied war nicht drin. Seine Anstalten, mich zu küssen, ignorierte ich gekonnt. Nachts hagelte es leidenschaftliche Textnachrichten. Am nächsten Morgen erhielt ich das erste unangeforderte Dickpic meines Lebens. Mir blieb nichts anderes übrig, als den Minimacker zu blockieren. Ob es bei Charlize Theron und Sean Penn möglicherweise ähnlich abgelaufen ist? Darüber lässt sich nur spekulieren …

Nach diesem Erlebnis der besonderen Art wurde mir klar, dass ich aufhören musste, Dating so verbissen zu sehen. Liebe hatte nun mal ganz viel mit Zufall zu tun. Ich konnte nichts anderes machen, als für all das Gute offen zu sein, das das Universum hoffentlich noch für mich bereithielt. Und bis dahin wollte ich meine Superkräfte für anderweitige lustige Dinge nutzen.

In unserem Podcast THE REAL WORD geht’s um die wichtigen großen und kleinen Fragen des Lebens: Was haben Busen-Selfies mit Feminismus zu tun? Wie bleibt die Langzeitbeziehung glücklich? Und was kann man von der TV-Bachelorette lernen? Abonnieren Sie den Podcast auf Spotify, Deezer, iTunes oder Google Podcasts oder abonnieren Sie uns direkt per RSS-Feed.

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