Covid 19 ǀ Verwechslung von Politik und Wissenschaft — dieser Freitag

Nein, Drosten kann sein Amt nicht niederlegen, wie dies auf „Hygiene Demos“ mitunter gefordert wird. Der Wissenschaftler hat aber ganz sicher einen Einfluss auf die Leitlinien der Politik. Macht ihn das zu einem Teil der herrschenden Elite? Am Konflikt zwischen der BILD Zeitung und Drosten kann man sehen, dass auch Wissenschaftler Teil eines Feindbilds werden können. Es ist daher wichtig, das Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Politik genauer zu untersuchen.

Eine dynamische Krise

Sowohl Wissenschaft als auch Politik sind gesellschaftliche Systeme, die aus unterschiedlichen Gründen operieren. In der Wissenschaft geht es darum, die Wahrheit von der Unwahrheit zu trennen, um Erkenntnis zu gewinnen. Die Politik hingegen tritt in einen Entscheidungsprozess, an dessen Ende allgemein verbindliche Regeln stehen. Dem Soziologen Luhmann zufolge sind beide Systeme strukturell binär organisiert – „entweder oder“. Entweder etwas ist falsch oder es ist richtig. Entweder ein Politiker ist Teil der Regierung oder in der Opposition. Während Wissenschaftler nach Wahrheit suchen, streben Politiker einen Machtgewinn an. Bei Letzterem muss dem Faktischen jedoch keine besondere Bedeutung zukommen. Trotzdem kann wissenschaftliche Erkenntnis Entscheidungsprozesse formen.

Dass dies mitunter schwierig sein kann, zeigt sich in der aktuellen Pandemie. Aufgrund dessen, dass die Wissenschaft über wenig Daten verfügt, ist es schwierig, gesicherte Analysen zu erstellen. Aber gerade auf diese sind Entscheidungsträger angewiesen. Wir haben es mit einer „Krise in Echtzeit“ zu tun, deren Parameter sich ständig verändern. Es ist zwar richtig, dass Wissenschaftler niemals zu abschließenden Ergebnissen kommen können. Die Revision von Ergebnissen ist Teil wissenschaftlicher Arbeit und kein Zeichen der Schwäche. Die Politik ist es jedoch gewohnt, feste Entscheidungen zu präsentieren. Ist dies in der jetzigen Lage überhaupt möglich?

Zweifelsohne ist es für Politiker schwierig, alle Bevölkerungsgruppen zufriedenzustellen, denn Covid-19 betrifft alle Schichten der Gesellschaft. Gleichzeitig sind die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie weitreichend und greifen tief in unsere Freiheitsrechte ein. Es stellt sich die Frage, was wichtiger ist: Unsere Freiheit oder Menschenleben? Auch wenn philosophische Fragen wie diese unbeantwortet bleiben, steht die Politik vor handfesten Verteilungsfragen: Wer darf was? Ist es zum Beispiel wichtiger, Kinder in die Schule oder Eltern in die Büros zu schicken?

Die Politik steht in der Verantwortung

In einer Demokratie muss es erlaubt sein, Entscheidungen zu hinterfragen. Gerade wenn die Politik komplexe Abwägungsentscheidungen trifft, sollte dies stets Teil einer lebendigen Auseinandersetzung sein. Wenn zum Beispiel Schulen und Kitas nur im Notbetrieb laufen, aber die Bundesliga ihren Spielbetrieb aufnehmen darf, dann muss dies erklärt werden. Wissenschaftliche Erkenntnisse sollten bei der Entscheidungsfindung mit einbezogen werden. Trotzdem muss Politik ehrlich sein und nicht den Eindruck erwecken, die Wissenschaft würde Entscheidungen treffen. So ist es nicht Drosten, der für die einschneidenden Maßnahmen verantwortlich ist, sondern die Bundesregierung.

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