Coupang: Kommt hier welcher größte Börsengang des Jahres? | Wirtschaft | DW

Bom Kim hat genau den Ehrgeiz, den es braucht, um ein Unternehmen richtig groß zu machen. Zufriedenheit zählt dabei nicht zu seinen Stärken und Bescheidenheit erst recht nicht. Als der ehemalige Harvard-Student mit Anfang 30 beschloss, Coupang zu gründen, war das Unternehmen lediglich ein billiger Abklatsch. Mit seiner Firma wollte er Groupon imitieren, eine amerikanische Webseite, die Rabatte auf Produkte und Erlebnisse verspricht. Nach zwei Jahren am Markt aber dämmerte Kim, dass es mehr geben musste als bloß Rabattcodes im Netz. “Ich wollte eine Welt erschaffen, in der Kunden fragen: ‘Wie konnte ich jemals ohne Coupang leben?'”, sagt der 42-jährige Gründer und Unternehmer heute.

Aus einem einfachen Gedanken ist inzwischen ein Milliardenkonzern erwachsen. Coupang ist der größte Online-Händler Südkoreas und wächst prächtig. Mit zwölf Milliarden US-Dollar steigerte der Amazon-Konkurrent seinen Umsatz im vergangenen Jahr um 91 Prozent. Zum Vergleich: Amazon schaffte im selben Zeitraum nur ein Plus von 38 Prozent. Das Wachstum des Online-Riesen ist allerdings teuer erkauft, die Schulden sind seit Jahren enorm. Bei einem Umsatz von rund zwölf Milliarden Dollar in 2020 summierte sich Coupangs Verlust zuletzt auf eine halbe Milliarde Dollar.

Coupang-Gründer und CEO Bom Kim

Softbank als Großinvestor

Auch deshalb strebt das Unternehmen jetzt an die New York Stock Exchange. Der asiatische E-Commerce-Liebling, der unter anderem vom Großinvestor Softbank finanziert wird, erhofft sich frisches Kapital – und zeitgleich eine fulminante Marktbewertung von bis zu 58 Milliarden Dollar. Coupang gelänge damit nicht nur der wohl größte Börsengang des Jahres, sondern auch das mächtigste Kapitalmarkt-Debüt seit 2014. Damals ging der chinesische Online-Riese Alibaba an die New Yorker Börse.

Das Unternehmen platziert seine Anteilscheine mit einer Preisspanne von 32 bis 34 Dollar je Aktie. Das geht aus einem Dokument hervor, das bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereicht wurde. Zuvor war von einer Preisspanne von 27 bis 30 Dollar die Rede gewesen. Coupang könnte damit bis zu vier Milliarden Dollar erlösen. Das Unternehmen will dabei vom Appetit der Investoren auf wachstumsstarke Tech-Aktien profitieren. Vor allem die Papiere von Online-Händlern wie Amazon, Alibaba und Co. sahen im Zuge der Corona-Pandemie zweistellige Kursgewinne.

Dem südkoreanischen Unternehmen spielt dabei in die Karten, dass der Markt für US-Börsengänge aktuell so stark ist wie zuletzt zur Jahrtausendwende. Fast alle Firmen, die dieses Jahr ihren Fuß aufs Börsenparkett setzten, erzielten im Anschluss Kurssprünge weit über ihrem Ausgabepreis. Nach Angaben der Analyse-Webseite Stock Analysis gab es allein in diesem Jahr bereits 292 Börsengänge. Zum Vergleich: vergangenes Jahr, einem Rekordjahr für Börsengänge, gab es bis Jahresende 480.

Erfolgsgeheimnis: der perfekte Versand

Für Bom Kim wäre es der vorzeitige Höhepunkt einer Reise, die nicht erst mit dem Börsengang viel Aufmerksamkeit auf sein Unternehmen lenkt. “Coupang wird seit langem von praktisch jedem großen Unternehmen als Übernahmeziel anvisiert: Amazon, Alibaba und dergleichen”, kommentiert Andrew Ross Sorkin vom US-Börsensenders CNBC die Nachricht. Mit niedrigen Preisen und ultraschnellen Lieferungen hat Kim innerhalb kürzester Zeit rund 15 Millionen Kunden, etwa 30 Prozent der südkoreanischen Bevölkerung, für sich gewonnen. 7 von 10 Südkoreaner wohnen gerade mal elf Kilometer von einem der mehr als 100 Coupang-Lieferzentren im Land entfernt.

Den Vergleich mit Amazon muss Coupang dabei nicht scheuen, im Gegenteil. Ähnlich wie Jeff Bezos hat Kim früh die Problematik der letzten Meile erkannt. Während andere Online-Händler ihre Auslieferungen häufig an externe Paketdienste auslagern, was mitunter zu Verzögerungen oder verschwundenen Paketen führt, wollte Kim den Versand perfektionieren. Seit 2015 schon verfügt Coupang deshalb über eine ultraschnelle Lieferkette.

“Coupang scheint der Strategie von Amazon gefolgt zu sein”, sagt Im Il, Professor für Wirtschaftsinformatik an der Yonsei University in Seoul. Das Unternehmen habe es geschafft, ein effizientes Logistiknetzwerk aufbauen, sein Volumen zu erhöhen, Skaleneffekte zu nutzen und dabei eine hervorragende Benutzerfreundlichkeit einzuführen, um so den kompletten Markt zu dominieren. Anders als in den USA stehe Coupang dabei allerdings vor deutlich größeren Herausforderungen: die koreanischen Versandpreise lassen nur wenig Spielraum für Margen zu.

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Während die Versandgebühren in den Vereinigten Staaten zwischen 3 und 35 Dollar rangieren, belaufen sich die Kosten in Coupangs Heimatmarkt im Schnitt auf 2,50 Dollar. “Coupang hat also einen deutlich kleineren Spielraum, um beim Ausbau des Logistiknetzwerks Geld zu sparen”, sagt Il. Um kostentechnisch wettbewerbsfähig zu sein, müsse Coupang allerdings auf niedrigere Beschaffungskosten bestehen. “Aufgrund des intensiven Wettbewerbs im koreanischen E-Commerce-Markt ist das nicht einfach.”

Lieferung innerhalb von 24 Stunden

Mehr als 15.000 Fahrer arbeiten inzwischen für den südkoreanischen Handelsriesen. Sie stellen sicher, dass 99 Prozent der Lieferungen innerhalb von 24 Stunden nach Bestellung beim Kunden ankommen. Wer sich für die Express-Lieferung Dawn Delivery entscheidet und sein Produkt noch vor Mitternacht bestellt, erhält sein Paket schon am nächsten Morgen bis 7 Uhr. Ein Service, den selbst Amazon noch nicht bieten kann.

Coupang profitiert dabei von einem simplen Fakt: Südkorea ist deutlich kleiner als viele Länder. Vergleicht man die Fläche mit den USA, wird der Unterschied besonders deutlich. Mit seinen 100.000 Quadratkilometern ist Südkorea gerade mal so groß wie der US-Bundessaat Virginia.

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Bei Online-Händlern ist das Land trotzdem sehr gefragt. Nach Angaben des Marktforschungsunternehmens Euromonitor ist das Land auf dem besten Weg, bis Jahresende zum drittgrößten E-Commerce-Markt der Welt aufzusteigen. 52 Millionen kaufkräftige Menschen leben hier, die meisten in urbanen, gut zu erreichenden Regionen. Viele von ihnen, stolze 95 Prozent, besitzen zudem ein Smartphone, das Land verfügt über ein gut ausgebautes 5G-Netz.

Coupang ist längst nicht der einzige Online-Händler, der von dieser Population profitieren will. Die Konkurrenz im Land ist enorm – und sie kopiert gern von Bom Kim. Etablierte Online-Einkaufszentren wie GMarket, Auction, SSG.com und Lotte.com mussten auf den Preiskrieg, den Coupang heraufbeschworen hat, reagieren. Als Konter auf Coupangs nächtliche Express-Lieferungen bieten auch diese Unternehmen inzwischen ganz selbstverständlich den Versand über Nacht an.

Hoher Investitionsaufwand bringt hohe Schulden

Um im Wettbewerb zu bestehen, greift Coupang tief in die Tasche. Drei Milliarden Dollar hat Bom Kim allein mit Hilfe des japanischen Wagniskapitalgebers Softbank in den Ausbau des Unternehmens investiert. Der Online-Händler setzt dabei auf eine Methode, die man von Startups wie WeWork oder Uber kennt. Die sogenannte Blitz-Skalierung soll schnelles Wachstum garantieren, um so Wettbewerber auszustechen – koste es, was es wolle.

Coupang steckt damit auch elf Jahre nach Gründung tief in den Schulden. Die Firma sei noch immer nicht profitabel und werde es auch auf absehbare Zukunft nicht sein, glaubt Professor Il. “Da E-Commerce eine sehr margenschwache Branche ist, ist es extrem schwierig, eine zusätzliche Marge aus den Verkäufen zu erzielen.”  Erst, wenn sich Coupang breiter aufstelle, gebe es eine Chance auf Gewinne. Immerhin hat das Unternehmen mit 12 Milliarden Dollar seinen Umsatz im vergangenen Jahr verdoppelt.

Bom Kim steht damit vor einem Problem, das Jeff Bezos längst gelöst hat. Anders als Coupang ist Amazon viel diversifizierter – und damit unschlagbar. Der Amazon-eigene Cloud-Service AWS etwa steuert inzwischen mehr als die Hälfte aller Unternehmensgewinne bei. Auch Coupang, so Il, werde neue Einnahmequellen erschließen müssen.

Für Anleger ist Coupang damit aktuell eine ziemlich heiße Wette. “Die Investoren werden nur zugreifen, wenn sie an Kims Vision glauben”, sagt Il. Die Zukunft des Unternehmens stehe und falle mit der Frage, ob das Unternehmen schwarze Zahlen schreibe. “Profitabilität ist Coupangs größte Herausforderung.”

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