Coronavirus: Wissenschaft kann Politik nicht ersetzen

In einer öffentlich ausgeschriebenen Preisfrage wollte die ÖAW wissen: „Was kann die Wissenschaft zur Bewältigung einer Pandemie beitragen?“. Der mit 12.000 Euro dotierte erste Preis ging an ein Essay von Alexander Bogner. Der Soziologe am Institut für Technikfolgenabschätzung (ITA) der ÖAW erklärt im E-Mail-Interview seine zentralen Gedanken.

science.ORF.at: Offensichtliche Antworten auf die ÖAW-Preisfrage wären: Das Virus identifizieren, Impfungen entwickeln … ich nehme an, das ist aber noch nicht alles?


Universität Innsbruck

Alexander Bogner: Natürlich, Wissenschaft kann und soll aufklären. Doch diese Aufklärung bezieht sich nicht nur auf das Virus und seine Folgen, sondern auch auf die Wissenschaft selbst. Schließlich hat Corona der Öffentlichkeit einen gründlichen Einblick in die Logik wissenschaftlicher Wissensproduktion gewährt. Es wurde deutlich, dass die Wissenschaft keine absoluten Wahrheiten anzubieten hat, sondern immer nur vorläufige. In so einer Krise bleiben natürlich auch viele Fragen offen und viele Einschätzungen fehlerhaft. Aber das ist kein Problem, solange die Wissenschaft Ungewissheiten und Fehlerrisiken mitkommuniziert.

Hat sie das ausreichend getan? Viele Menschen kritisieren ja, dass speziell zu Beginn der Pandemie nur ein bestimmter Kreis an Expertinnen und Experten zu hören war …

Bogner: Tatsächlich richtete sich das politische Interesse zunächst ausschließlich auf Virologie und Epidemiologie. Bald wurde jedoch deutlich, dass uns die Corona-Pandemie vor schwierige Abwägungsfragen stellt, die sich nicht allein durch virologische Expertise bewältigen lassen. Damit kamen auch andere wissenschaftliche Disziplinen ins Spiel, etwa die Ökonomie, die Soziologie oder die Psychologie. Dies steigert allerdings auch die Vielfalt an Positionen, Meinungen und Empfehlungen.

Bleiben wir mal in der Medizin: Dass das Coronavirus gefährlich ist und Impfungen vor ihm schützen, bezweifelt unter Ärzten und Ärztinnen höchstens eine winzige Minderheit. Dennoch werden deren Vertreter gerne in Talkshows des Privat-TV etc. eingeladen. Fördert das den öffentlichen Diskurs oder diskreditiert es die Wissenschaft, wenn ihre Ergebnisse quasi als Privatmeinung präsentiert werden?

Bogner: Diese mediale Aufwertung von Pseudo-Expertise ist Folge eines falsch verstandenen journalistischen Berufsethos: Dem Anspruch der „Neutralität“ wird Genüge getan, indem man jede Position mit einer Gegenposition konfrontiert – auch wenn es sich um eine unseriöse Außenseiterstimme handelt. Das heißt, der oberflächliche Versuch, eine ausgewogene Darstellung zu liefern, erweckt den Eindruck, es gebe einen wirklich begründeten Expertendissens. Dieses Problem haben wir auch im Klimastreit.

In guter wissenschaftlicher Tradition versuchen manche einen solchen Expertenkonsens bzw. -dissens sogar zu quantifizieren, wie man Ihrem Essay entnehmen kann. Wie geht so etwas?

Bogner: Im Klimastreit ging es lange darum, wie schlimm es um das Klima wirklich steht. Die Klimawandelleugner argumentierten: Es gibt in dieser Frage keinen Expertenkonsens, also müssen wir abwarten. Die Umweltaktivisten hingegen wollten zeigen, dass dieser Expertenkonsens existiert. Deshalb wertete man Tausende an wissenschaftlichen Artikeln aus, um diesen Konsens zu quantifizieren. Man kam auf sehr hohe Werte. Doch die Skeptiker ließen natürlich nicht locker und stellten das methodische Vorgehen dieser „Konsensforschung“ in Frage. So kommt es zu endlosem Gezänk.

Es gibt also auch zur Konsensforschung keinen Konsens. Sehen Sie einen solchen irgendwo? Vielleicht ja bei der Evidenz? Mir ist z.B. aufgefallen, dass noch die prononciertesten Tatsachenverdreher mittlerweile diesen Begriff für ihre Sache bemühen …

Bogner: Ja, das ist leicht möglich, weil niemand so recht weiß, was man unter Evidenz verstehen soll. In der Soziologie spricht man gerne von empirischer Evidenz und meint damit, dass man intersubjektiv nachvollziehbare Nachweise für die eigenen Wahrheitsbehauptungen hat. Ursprünglich jedoch bedeutet Evidenz etwas ganz anderes: Es heißt, dass man etwas augenscheinlich für wahr hält. Und viele Tatsachenleugner und Verschwörungstheoretiker argumentieren ja gerne mit dem Augenscheinlichen und scheinbar Selbstverständlichen.

Aber nicht auch zunehmend mit „Studien“? In der überbordenden Publikationslandschaft finden sich ja gerne auch Artikel, die den eigenen Standpunkt „evident“ legitimieren und dann als „Beweis der Wissenschaft“ viral gehen …

Bogner: Das stimmt schon. In der Pandemie hat die verständliche Nachfrage nach raschen Ergebnissen zu einer Beschleunigung der Publikationspraxis geführt. Das heißt, es wurden auch Artikel online gestellt, die nicht zuvor einer strengen Begutachtung unterzogen wurden. Auf diese Weise gerät die wissenschaftliche Qualitätssicherung in Gefahr. Immerhin macht die Wissenschaft selbst auf die Risiken dieser Praxis öffentlich aufmerksam.

Sie haben vorhin von verschiedenen Disziplinen der Wissenschaft gesprochen, die erst spät in der Pandemie zu hören waren. Was sagt diese Erfahrung über die Wertigkeit dieser verschiedenen Disziplinen aus?

Bogner: Im März 2020, angesichts der schrecklichen Bilder aus der Lombardei, hatten wir ja tatsächlich eine Notlage. Der Gesundheitsschutz hatte oberste Priorität. Dass die Politik also zunächst nur auf die Virologie hörte, ist verständlich. Erst später, als sich Konflikte um die Verhältnismäßigkeiten der politischen Maßnahmen entwickelten, wurden auch andere Disziplinen relevant. Aus dieser Geschichte würde ich keine Rückschlüsse über deren Wertigkeiten ziehen.

Mit den Langzeitfolgen der Pandemie und ihrer Bekämpfung haben jetzt sozusagen alle Disziplinen zu tun – von der Psychologie bis zur Ökonomie. Beim Festakt „zu Ehren der Wissenschaft“ diese Woche in Wien wurde dennoch „nur“ den Modellierern und Ärzten gedankt. Drückt das nicht doch eine Priorität von Seiten der Politik aus, Soziologen waren ja z.B. keine am Podium?

Bogner: Das ist eine gute Beobachtung. Nach wie vor bestimmen offensichtlich einige wenige Disziplinen das Bild. Darin kommt, glaube ich, ein organisatorisches Problem der Politikberatung zum Ausdruck. Was in Österreich fehlt (aber nicht nur in Österreich), das ist ein interdisziplinärer Pandemierat, in dem fachübergreifend über grundlegende Wert- und Strategiefragen diskutiert werden könnte. In einem solchen Pandemierat würden auch die Beiträge anderer Disziplinen viel deutlicher werden.

In Ihrem Essay warnen Sie vor einer „Epistemokratie“, die sich durch Corona einschleichen könnte – was genau meinen Sie damit?

Bogner: „Epistemokratie“ meint nicht die Herrschaft einer konkreten Gruppe, etwa der Experten („Expertokratie“). Gemeint ist etwas Abstrakteres, nämlich die Herrschaft der Wissensförmigkeit oder einer gewissen Wissensgläubigkeit. Es geht um den Glauben daran, dass politische Konflikte erst dann richtig verstanden sind, wenn wir sie als reine Wissensprobleme verhandeln. Dahinter steht die Hoffnung auf eine ideologiefreie Politik.

Aus Sicht der Virologie könnte man sagen: Eine Pandemie ist ein reines Wissensproblem. Wäre eine wissensbasierte Politik – Stichwort Klimaerwärmung – nicht wünschenswert?

Bogner: Ja, natürlich. Wohin eine wissenschaftsfeindliche Politik führt, haben wir in der Pandemie in Brasilien, Russland oder in den USA unter Trump gesehen. Die Politik soll auf die Wissenschaft hören, zweifellos. Sie soll sich aber nicht auf Wissenschaft reduzieren. Alle noch so exakten Zahlen und Daten können der Politik die Entscheidung nicht abnehmen. Im wissenschaftlichen Faktum steckt kein politisches Handlungsprogramm. Am Ende des Tages müssen wir entscheiden, welche Zukunft wir wollen und welche Einschränkungen wir dafür in Kauf nehmen.