Corona: Virologe Streeck wehrt sich gegen schwere Vorwürfe: „Inquisition einer Wissenschaftsjournalistin“

Eine Spiegel-Reportage untersucht, welche Virologen mit ihren Prognosen zu Corona richtig gelegen haben. Hendrik Streeck kommt dabei nicht gut weg.

  • Die Medien werden seit etwa einem Jahr von einem Thema dominiert: Corona.
  • Virologe Hendrik Streeck ist einer der Experten, die am häufigsten zu Rate gezogen werden.
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Frankfurt – Wissenschaft und Wahrheit sind nicht das Gleiche. Gerade in der Corona-Pandemie, in der junge Forschungsergebnisse und frische Studien in den Mittelpunkt einer omnipräsenten Diskussion gezogen werden, verschwimmt dieser Unterschied schnell. Wissenschaft und Forschung leben vom Diskurs, von unterschiedlichen Meinungen. Das dabei falsche Thesen revidiert werden müssen, ist ein ganz normaler und wichtiger Prozess, um Stillstand zu vermeiden und Vielfalt zur repräsentieren.

Die wissenschaftliche Diskussion zu Corona-Impfung, Corona-Übertragung, Corona-Tests und Corona-Lockdown sind zum Politikum geworden – Studien, die sonst höchstens in Wissenschaftsmagazinen thematisiert und diskutiert werden, gelangen blitzschnell auf die Titelseiten der großen Zeitungen und Zeitschriften.

Virologe Hendrik Streeck ist Dauergast in deutschen Talk-Formaten

Die Aufgabe der Medien sollte sein, die Erkenntnisse der Forschung aufzubereiten – ohne sie zu verdrehen, ohne sie zu beschönigen. Gleichzeitig streben viele Medien nach guten Schlagzeilen, krassen Aussagen, unbeliebten Gegenmeinungen. Das Bild der gängigen Forschungsmeinung wird dadurch manchmal verzerrt, in der Wissenschaft strittige Aussagen eine größere Bühne geboten, als sie eigentlich bei Forschenden verbreitet ist.

Zu einem der beliebtesten Virologen der Medien entwickelte sich Hendrik Streeck, der regelmäßig in Talkshows zu sehen war und ist. Im FR-Interview spricht er von einer polarisierten Diskussionskultur in der Wissenschaft. Der Experte selbst wird für seine Aussagen zu Corona-Pandemie häufig kritisiert. Das Medienmagazin „Übermedien“ hat kürzlich eine Liste veröffentlicht, in der einige Aussagen von ihm auf die Goldwaage gelegt – und als falsch deklariert werden.

Spiegel schickt Fragenkatalog an Streeck – Virologe sieht darin eine Liste von Anklagepunkten

In den Medien ist Streecks Meinung trotzdem sehr gefragt. Im Februar erhielt der Direktor des Institutes für Virologie und HIV-Forschung der Uni Bonn eine Liste mit Fragen. Absender: Der Spiegel. 15 Fragen sollte er der Wissenschaftsredaktion beantworten. Das Hauptthema waren die öffentlichen Positionen des Virologen zur Corona-Pandemie. Die Fragen interpretierte Streeck als „Anklagepunkte“, wie er der „Welt“ sagte.

Virologe Streeck: Stammgast in Talkshows und Lieblingsexperte der Befürworter:innen von Lockerungen.

© teutopress GmbH/imago images

Streecks eher kritische Position zur Lockdown-Strategie der Politik ist bekannt. Der „Spiegel“ wollte nun wissen, ob er seine „Position als Wissenschaftler missbraucht“ habe, „um Politik zu machen“. Außerdem: „Wie stehen Sie zu dem Vorwurf, Sie hätten die Gefahren der Pandemie verharmlost?“ Auch nach Schuldigen in der Entwicklung der Pandemie wird gesucht. „Sehen Sie sich in der Mitverantwortung für die getroffenen oder auch unterlassenen Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung? Und in diesem Zusammenhang auch für viele Menschen, die gestorben sind?“ Zudem sollte Streeck Reue zeigen: „Bereuen Sie diese mehrfach öffentlich geäußerte Fehleinschätzung?“

Streeck kommt im Spiegel-Artikel nicht gut weg – Er beantwortete nur zwei der 15 Fragen

Für Streeck keine Fragen, stattdessen las sich der Katalog wie „die Inquisition einer Wissenschaftsjournalistin, die offensichtlich eine politische Mission“ habe, wie er der „Welt“ sagte. Schließlich habe er nur zwei Fragen beantwortet. „Alles andere war populistisch, polemisch, gespickt mit Unterstellungen – sinnlos, auf so etwas einzugehen.“

Im letztendlich erschienen Artikel des „Spiegel“ kommt Streeck folglich nicht gut weg. Zu den Vorwürfen einer verharmlosten Gefahr und der eigenen Mitverantwortung heißt es im Artikel, der Virologe möchte „sich dazu nicht äußern.“ Laut „kress.de“ sollen Spiegel-Chefredakteur Steffen Klusmann und Hendrik Streeck inzwischen telefoniert haben. Bislang soll sich aber kein Wissenschaftsredakteur bei Streeck gemeldet haben. Trotzdem würden sich Redakteur:innen „weiterhin sehr freuen, wenn ein persönlicher Austausch mit Herrn Professor Streeck möglich wäre.“

Hendrik Streeck polarisiert mit seinen Aussagen zu Corona

Auch Virologe Klaus Stöhr zählte der „Spiegel“ zu den „Propheten auf dem Irrweg“. Wie Streeck verteidigte er seine Äußerungen zu Corona. „Mangel an journalistischer Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit“, wirft er dem Spiegel vor, zudem eine „selektive Benutzung von Aussagen der betroffenen Wissenschaftler, um die vorgefertigte Meinung zu verifizieren.“

Im ungewohnten Umgang mit einer Krise wie der Corona-Pandemie kann niemand Aussagen treffen, die immer richtig sind. Experten können falsch liegen, wenn sie Prognosen erstellen. Es bleibt Abwägungssache, welchen Stimmen man vertraut. Letztendlich ist es wie so oft: Die Wissenschaft ist kompliziert, jedes Thema individuell – und Fehler sind menschlich. (Sebastian Richter)

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