ByteFM: „Musik ist ja viel mehr qua Unterhaltung“

Veröffentlicht am 12. Mrz. 2021 von Michael Schmich unter Pressemeldungen

Wo gibt es im deutschen Radio jenseits des Mainstream fachkundig moderierte Musiksendungen? Ambitioniertes Musik-Feuilleton? Nun werden Sie sagen: „Dies ist Aufgabe der Öffentlich-Rechtlichen!“. Richtig, diese Pflicht erfüllen sie zumindest punktuell in ihren Kulturformaten. Auf lange Sicht gesehen allerdings klar mit der Tendenz „geringer werdend“ versehen. Und sonst? Ein klein wenig beim nicht-kommerziellen Hörfunk, bei kleinen Privatsendern wie FluxFM, egoFM oder 917xfm. Auch natürlich im Internet – dort beispielsweise in einem XXL-Format beim Hamburger ByteFM. Der vor 13 Jahren vom Musikredakteur Ruben Jonas Schnell gegründete Sender hat sich in der deutschen Radiolandschaft inzwischen als einmaliges Biotop für engagierten Musikjournalismus etabliert.

Der Sender definiert sich als „musikbezogenes Autorenradio“ und präsentiert „alles, was in der modernen Popmusik wichtig ist“. Auf dem Programmplan stehen zahlreiche moderierte Sendungen, Mitschnitte von Livekonzerten und exklusive Mixe von lokalen und internationalen Discjockeys. Dabei wird eine barrierefreie und sehr große Breite an spannenden Musikstilen berücksichtigt, die in dieser umfangreichen Form weder bei der ARD, Deutschlandradio oder sonst wo stattfinden. Also beispielsweise alternative Rockformen, Jazz, Country, elektronischer Musik, Krautrock, französische Chansons, Footwork, Afrobeats – bis hin zur Klassik. Gut, Deutscher Schlager und Volksmusik finden sich bei Durchsicht der Programmfahnen nicht, sind grundsätzlich aber möglich. Alle Sendungen sind mit Bedacht zusammengestellt und moderativ kompetent begleitet.

ByteFM-Studio (Bild: ©Dirk Pudwell)

Gesendet wird 24 Stunden via Internet-Verbreitung. Seit dem 26. September 2010 sendet ByteFM täglich in der Zeit von 19.00 bis 22.00 Uhr in Hamburg terrestrisch auf der UKW-Frequenz 91,7 MHz. Seit dem 1. Oktober 2016 wird das Programm ebenfalls täglich zwischen 10.00 und 12.00 Uhr sowie 21.00 und 22.00 Uhr in Berlin auf der UKW-Frequenz 91,0 MHz ausgestrahlt. Und sonntagabends ab 20.00 Uhr beim französischen Radiosender Euradionantes auf der Frequenz 101,3 MHz im französischen Nantes.

Die Redaktion hat ihren Sitz im Medienbunker auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg-Sankt Pauli sowie in Berlin-Mitte.

Programmchef Schnell, der parallel auch als freier Mitarbeiter für die Musikredaktion „Nachtclub“ bei NDR Info arbeitete und Mitglied der Jury des „Preises der Deutschen Schallplattenkritik“ ist, hat seinem Programm einen klaren Kurs verordnet – weit weg von großflächigem Formatradioeinerlei und nervtötender Eigenpromotion. Seine Klammern definiert er als „gute Musik und kritischen Musikjournalismus“.

2009 wurde ByteFM mit dem „Grimme Online Award SPEZIAL“ ausgezeichnet, am 24. September 2009 mit dem „Hamburger Musikpreis HANS“ als Musikmedium des Jahres und mit dem Medienpreis „LeadAward“. 2014 gewann der Sender den „Rocco Clein Preis“ für Musikjournalismus.

 

„Täglich hören 50.000 Menschen unseren Webstream“

 

Ruben Jonas Schnell und seine Mitstreiter haben in den vergangenen Jahren mit Herzblut ein wunderbares Projekt für Musikenthusiasten auf die Beine gestellt. Im Grunde ist ByteFM so etwas wie eine weitere öffentlich-rechtliche Sendeanstalt in Deutschland – nur eben etwas kleiner und ohne Gebühreneinnahmen. RADIOSZENE-Mitarbeiter Michael Schmich sprach mit dem Senderchef über sein Programmkonzept und die Zukunft, wenn der Sender ab 2022 in Hamburg ganztätig via UKW on air gehen wird.

RADIOSZENE: ByteFM feierte am 11. Januar Geburtstag. Welche Bilanz ziehen Sie 13 Jahre nach Sendestart?

Ruben Jonas Schnell (Bild: ByteFM)

Ruben Jonas Schnell (Bild: ByteFM)

Ruben Jonas Schnell: Im Januar 2008 ging ByteFM auf Sendung. Wir wollten damals ein relevantes musik-journalistisches Radio für den gesamten deutschen Sprachraum aufbauen: Ambitionierte Vision und leidenschaftliches Hobby. Wie viel Zeit und Kraft dieses Projekt in Anspruch nehmen würde, darüber haben wir uns damals keine Gedanken gemacht. Aber dass wir 13 Jahre später noch immer senden, inzwischen vielfach ausgezeichnet, nach wie vor werbefrei und maßgeblich finanziert durch einen Förderverein mit jetzt über 6.500 Mitgliedern, war damals noch nicht zu hoffen. Ich bin stolz auf und glücklich über alles, was wir erreicht haben. Auch im Hinblick darauf, wie musikjournalistische Inhalte sonst immer weiter ins Abseits geraten.

(Gute) Musik ist ja viel mehr als Unterhaltung: sie bildet Politik und Gesellschaft ab, schafft Meinung, kritisiert, rückt ins Verhältnis. All dem Gehör zu verschaffen, ist wichtig. Das versuchen wir mit ByteFM.

RADIOSZENE: Wie hat sich die Akzeptanz, haben sich die Hörerzahlen entwickelt? Welche Bevölkerungsgruppen nutzen bevorzugt Ihr Angebot?

Ruben Jonas Schnell: Die Entwicklung der ByteFM Hörerzahlen ist sehr positiv. Pro Monat besuchen heute 250.000 Menschen die ByteFM Webseiten. Täglich hören 50.000 Menschen unseren Webstream. Natürlich sind Hörerinnen und Hörer eines ausdrücklichen „Musik-Radios“ an Musik interessiert. Aber nicht alle sind Hardcore-Musikfans. Manche lassen sich einfach inspirieren. Aber auch Musikfans hören ByteFM und, wie wir aus zahlreichem Feedback wissen, sie fühlen sich bei unserem handverlesenen Musikprogramm gut aufgehoben.

RADIOSZENE: ByteFM positioniert sich mit seiner Programmstruktur als Einschaltradio – mehrheitlich mit zahlreichen ambitioniert gemachten Autorensendungen. Das Hörverhalten dürfte sich damit deutlich vom großen Rest der deutschen Radiolandschaft abheben …

Ruben Jonas Schnell: Über das Hörverhalten „kommerzieller“ Sender weiß ich wenig. Es ist aber nicht so, dass unsere Hörer*innen immer nur gezielt einschalten, wie man erwarten könnte. Die Bereitschaft, musikalische Brüche mitzugehen, ist über die Jahre größer geworden. Anfangs schalteten viele noch aus, wenn sich die Musikfarbe deutlich änderte, also zum Beispiel eine HipHop-Sendung im Anschluss an eine Sendung mit Gitarren-Bands zu hören war. Inzwischen bleiben die Hörer*innen dabei. Das Programm von ByteFM bietet außerdem ganz bewusst das, was andere Sender als „Ausschalt-Impuls“ bezeichnen: wenn es inhaltlich passt, laufen auch im Tagesprogramm sehr sperrige Songs, die von unseren Moderator*innen redaktionell eingebunden und erklärt werden, so dass sie vielleicht fordern, dabei aber bereichern.

 

„Die Bereitschaft, musikalische Brüche mitzugehen, ist über die Jahre größer geworden“

 

RADIOSZENE: Auf Ihren Sendeplänen findet sich eine große stilistische Breite an Musik. Welche Genres decken Sie eigentlich nicht ab oder wollen Sie nicht abdecken?

Ruben Jonas Schnell: Wir schließen bei ByteFM kein musikalisches Genre pauschal aus. Eine ausdrückliche Schlager-Sendung gibt es zwar nicht. Aber auch das wäre denkbar, sofern die Sendung redaktionell gut aufbereitet und die Musik frei von kommerziellen Vorgaben ausgewählt wird. Es gibt ja auch „gute“ Schlager. Aber klar: die stehen bei ByteFM nicht unbedingt im Fokus.

Ruben Jonas Schnell (Bild: ©ByteFM/Dirk Pudwell)

Ruben Jonas Schnell (Bild: ©ByteFM/Dirk Pudwell)

Die Musik unserer Sendungen wird in der Regel magazin-artig eingebunden und stammt bei fast allen Shows aus mehreren Genres. Sobald dies wieder möglich ist, werden wieder täglich Musikerinnen und Musiker live zu Gast im Programm sein und in Interviews Rede und Antwort stehen. Manche Sendungen beschäftigen sich mit älterer Musik. Oft stehen einzelne Künstler*innen im Mittelpunkt. Auch Themen, die zunächst scheinbar nichts mit Musik zu tun haben, werden bei ByteFM in einen musikalischen Kontext gesetzt. So zum Beispiel im „Städel Mixtape“, das wir in Kooperation mit dem Frankfurter Städel Museum produzieren. Hier geht es eine Stunde lang um ein einzelnes Kunstwerk aus der Sammlung des Museums, das Moderator Till Kober mit Musik in Verbindung bringt: historisch, beschreibend oder assoziativ.

RADIOSZENE: Bei ByteFM hört man Musik und begleitende Fachkompetenz, die es im Radio in diesem Umfang nicht (mehr) gibt – auch bei der ARD nur noch gelegentlich. Streamingdienste können und wollen diese Sendeform nicht leisten. Haben Sie mit Ihrem Konzept im deutschsprachigen Raum damit ein Alleinstellungsmerkmal?

Ruben Jonas Schnell: Das denke ich unbedingt!

RADIOSZENE: Wie viele Programmgestalter sind für den Sender tätig? Wie viele unterschiedliche Sendeformate produzieren Sie monatlich?

Ruben Jonas Schnell: Einhundert Moderatorinnen und Moderatoren produzieren 110 verschiedene Sendungen für ByteFM. Einzelne Moderator*innen senden nahezu täglich, die meisten wöchentlich, manche sind auch nur alle zwei oder alle vier Wochen zu hören. Es gibt Sendungen, die Autor*innen eigenständig verantworten und Sendungen mit redaktionellem Überbau, wie das werktägliche ByteFM Magazin.

BYTEFM-Mitarbeiter (Bild: ©Dirk Pudwell)

BYTEFM-Mitarbeiter (Bild: ©Dirk Pudwell)

RADIOSZENE: Woher rekrutieren Sie Ihre Programmgestalter? Welche Standards muss ein Moderator beziehungsweise ein Programmkonzept  erfüllen, um bei ByteFM on air gehen zu dürfen?

Ruben Jonas Schnell: Die Begeisterung für die Musik und das entsprechende Wissen sind ebenso wichtige Voraussetzungen wie die Fähigkeit, diese Begeisterung zu teilen und Inhalte so zu vermitteln, dass das Zuhören Spaß macht und auch Hörer*innen Zugang finden, die erstmalig mit der betreffenden Musik in Kontakt kommen. Wir „rekrutieren“ übrigens nicht. Moderator*innen kommen auf uns zu. Wenn sie die beschriebenen Bedingungen erfüllen und die vorgeschlagenen musikalischen Themen eine Ergänzung zum bisherigen Programm darstellen, kommen sie für eine regelmäßige Sendung in Frage.

RADIOSZENE: Beim Sender moderiert eine gute Zahl ausgewiesener Musikspezialisten, die zuvor bei der ARD sehr erfolgreich tätig waren – wie etwa Klaus Walter, Volker Rebell, Burghard Rausch oder Klaus Fiehe. Wie wichtig sind solche bekannten Namen für das Gesamtprogramm?

Ruben Jonas Schnell: Zum Teil sind die Genannten nach wie vor erfolgreich für die ARD tätig. Natürlich profitiert ByteFM davon, wenn unsere Moderator*innen eine gewisse Prominenz haben. Vor allem, als wir vor 13 Jahren mit ByteFM starteten, war sehr wichtig, dass Profis zum Team gehören. Auch um deutlich zu machen, dass sich bei ByteFM nicht einfach nur Musik-Fans zusammenfinden, sondern Menschen, die neben der Begeisterung für die Musik auch über die entsprechende Erfahrung mit dem Medium Radio verfügen. Wenn sich heute erfahrene Profis mit einem interessanten Konzept anbieten, ist das für ByteFM aber genauso interessant, wie talentierte, junge Moderator*innen, die vielleicht „frischen Wind“ bringen, durch einen jüngeren Blick auf Musik und Inhalte, aber vielleicht auch durch neue Sende-Konzepte, die sich womöglich besser ausdenken lassen, wenn man nicht schon über viel Radio-Erfahrung verfügt.

 

„Gutes, liebevoll kuratiertes, redaktionelles Musikradio setzt an, wo Streaming-Dienste langweilig werden“

 

RADIOSZENE: Ist es heute nicht unsagbar schwer, verlässliche und kompetente Moderatoren zu finden? Zumal diese in einem nicht-kommerziellen Konzept wie Ihrem ja kaum entsprechend vergütet werden können …

Ruben Jonas Schnell: Eigentlich ja. Deshalb freut mich riesig, dass so viele Menschen nach all den Jahren immer noch begeistert bei ByteFM Programm machen und regelmäßig neue Autor*innen dazu kommen. Wir sind bemüht, die wirtschaftlichen Arbeitsbedingungen für unsere Moderator*innen nach und nach zu verbessern. Im Moment können wir Autor*innen-Sendungen aber tatsächlich nur in Form von Aufwandsentschädigungen honorieren. Es geht den Macher*innen bei ByteFM also nicht ums Geld. Sondern darum, mit Gleichgesinnten, einen Sender zu gestalten, der so klingt, wie wir uns das selbst wünschen. Die gegenseitige Wertschätzung ist enorm hoch. Ich glaube, es macht einfach Spaß, für ByteFM zu arbeiten und mit dieser Plattform auch eine verhältnismäßig große Reichweite zu haben. Ich denke und hoffe, dass alle an ByteFM Beteiligten das Gefühl haben, bei etwas mitzumachen, das gut und wichtig ist. Nur mit diesem tollen Team aus Gleichgesinnten, die die Leidenschaft für Radio und Musik teilen, konnte sich ByteFM über 13 Jahre kontinuierlich weiterentwickeln.

RADIOSZENE: Neben den Autorensendungen produzieren Sie tägliche ByteFM-Magazine. Mit welchen Inhalten gehen Sie hier auf Sendung?

Ruben Jonas Schnell: Themen der Magazin-Sendung sind tagesaktuelle Ereignisse in der Welt der Musik, neue interessante Veröffentlichungen, Geburts- oder auch Todes-Tage von Musiker*innen. Auch unser Album der Woche und Ankündigungen der Sendungen von Kolleg*innen im Programm von ByteFM sind fester Bestandteil der Sendung sowie in besseren Zeiten Konzert-Hinweise und täglich Interviews mit deutschen und internationalen Musiker*innen. Das ByteFM Magazin fasst in täglich drei Stunden jene Inhalte zusammen, die auch sonst bei ByteFM zu hören sind. Die Musikfarbe ist damit ähnlich bunt wie das restliche Programm.

RADIOSZENE: Über welche Quellen finanzieren Sie den Sendebetrieb?

Ruben Jonas Schnell: Unsere wesentliche Einnahme-Quelle ist der Förderverein „Freunde von ByteFM“ mit inzwischen etwas mehr als 6.500 Mitgliedern, die den Sender mit 50 Euro pro Jahr unterstützen. Darüber hinaus gibt es Kooperationen, in denen ByteFM in redaktioneller Eigenregie Programminhalte mit Partnern produziert, die zu ByteFM passen. Zum Beispiel arbeiten wir eng mit dem Reeperbahn Festival in Hamburg zusammen oder mit kulturellen Institutionen, mit Theatern und Museen.

RADIOSZENE: Wie machen Sie in der Öffentlichkeit auf den Sender aufmerksam?

Ruben Jonas Schnell: Der Sender verbreitet sich vor allem durch Empfehlungen.

RADIOSZENE: Über die Senderwebsite bieten Sie auch Podcasts. Wie häufig werden diese Angebote genutzt?

Ruben Jonas Schnell: Unsere Podcasts werden über entsprechende Plattformen gehostet. Sie sind nicht Teil unserer eigenen Mediathek. Vor allem für den wöchentlichen Podcast „Ruhestörung“ sind die Zugriffszahlen in den letzten Monaten deutlich gestiegen.

RADIOSZENE: Ab April 2022, also in gut einem Jahr, senden Sie in Hamburg täglich rund um die Uhr über die Frequenzen 91,7 und 104,0 MHz, über die ByteFM heute bereits stundenweise zu hören ist. Haben Sie schon Pläne für diese Zeit? Werden Sie beispielsweise den Anteil an Berichterstattung für Hamburg erweitern?

Ruben Jonas Schnell: Wir freuen uns sehr auf die Hamburger UKW-Frequenzen! Das Programm wird zum Teil den Sendungen im Webstream entsprechen, wir werden aber, wie Sie richtig vermuten, auch eigene Inhalte für Hamburg produzieren. Hamburger Kultur-Schaffende sollen täglich zu Gast bei „ByteFM Hamburg“ sein, um sich und eigene Projekte im Gespräch mit unseren Moderator*innen vorzustellen. Die Nachrichten werden dann auch für ByteFM Hamburg regional angepasst.

RADIOSZENE: ByteFM versteht sich in seiner Außendarstellung als „moderiertes Musikradio“ – vor allem für den deutschsprachigen Raum. Also als bundesweites Angebot. Macht da (auch vor dem Hintergrund wachsender Akzeptanz) nicht die zusätzliche Verbreitung via DAB+ Sinn? Oder folgen Ihnen die Hörer lieber online – ganz nach Ihrem Motto „Webradio für gute Musik“?

Ruben Jonas Schnell: Die Hörer*innen folgen uns im Netz. Und ich gehe davon aus, dass die Nutzung von Internetradio in den nächsten Monaten und Jahren noch deutlich zunehmen wird. Gleichzeitig senden wir demnächst in Hamburg wie beschrieben rund um die Uhr auf UKW und wollen unser Programm dort auch via DAB+ hörbar machen. Eine bundesweite Verbreitung via UKW oder DAB+ kommt für uns aus finanziellen Gründen nicht in Frage. Die Verbreitungskosten wären für unseren kleinen Sender nicht zu stemmen. Aber im Internet am Desktop, mit entsprechenden Geräten oder unterwegs über unsere mobile Webseite oder auch unsere Apps lässt sich unser Programm online überall empfangen.

 

„Ohne die Erfahrungen mit dem NDR und anderen öffentlich-rechtlichen Sendern hätte ich ByteFM nicht gründen können“

 

RADIOSZENE: Sie waren sehr lange Jahre für den Norddeutschen Rundfunk tätig. Nun endet diese Zusammenarbeit. Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf diese Zeit zurück?

Ruben Jonas Schnell: Noch bis April bin ich für den NDR tätig. Dann beendet der NDR die Zusammenarbeit. Die Nachtclub-Redaktion, für die ich seit 25 Jahren arbeite, sendete bis Ende vergangenen Jahres auf NDR Info, also in Norddeutschland auf UKW, und hat jetzt ein neues Zuhause bei NDR Blue gefunden, eine digitale Welle, die allerdings bisher kaum gehört wird.

ByteFM-Chef Ruben Jonas Schnell (Bild: ©DirkPudwell)

ByteFM-Chef Ruben Jonas Schnell (Bild: ©DirkPudwell)

Ich habe jahrzehntelang leidenschaftlich für die Nachtclub-Redaktion gearbeitet und bin dem dankbar für alle Möglichkeiten, die ich dort hatte. Für den Nachtclub arbeiten wir Moderator*innen redaktionell eigenständig. Wir setzen selbst Inhalte und Schwerpunkte für unsere Sendungen. Die Tätigkeit ist durchaus vergleichbar mit der Arbeit an einer Autoren-Sendung für ByteFM. Ohne die Erfahrungen mit dem NDR und anderen öffentlich-rechtlichen Sendern hätte ich ByteFM nicht gründen können.

Dass (unabhängig von meiner Person) musikjournalistische Inhalte beim NDR inzwischen etwas kürzer kommen, ist schade. Das Kulturverständnis, das der Entscheidung zugrunde liegt, die journalistische Auseinandersetzung mit Pop-Musik ins Abseits zu drängen, halte ich für nicht zeitgemäß. Umso mehr freue ich mich darauf, ByteFM in den nächsten Monaten und Jahren noch weiter voran zu bringen. Die Nachfrage nach den Inhalten, die im Mittelpunkt unseres Programms stehen, ist groß. Und wird immer größer. Streaming-Dienste wie Deezer, Spotify oder Tidal machen Musik für jedermann abrufbar und werden intensiv genutzt. Musik ist verfügbarer geworden. Das allgemeine musikalisch Know-How, das musikalische Grundverständnis und das Interesse der Hörer*innen an Musik ist dadurch heute viel größer als noch vor ein paar Jahren. Davon profitieren wir. Streaming-Dienste übernehmen gewissermaßen die musikalische Grundversorgung. Wer tiefer einsteigen möchte und mehr will als von Algorithmen zusammengestellte Playlisten, landet früher oder später bei ByteFM. Gutes, liebevoll kuratiertes, redaktionelles Musikradio setzt an, wo Streaming-Dienste langweilig werden. Ich freue mich auf die Zukunft mit ByteFM.

RADIOSZENE: Angenommen, Sie haben für ByteFM drei Wünsche frei … welche würden Sie durch die gute Fee einlösen lassen?

ByteFM-LogoRuben Jonas Schnell: Schön wäre, wenn unser Förderverein schnell soweit wächst, dass wir unsere Mitarbeiterinnen und Moderatoren bald noch besser bezahlen können. 

Für ein Musik-Radio ist auch Live-Musik natürlich wichtig. Um sie zu erleben und darüber zu berichten. Ich hoffe, dass es bald wieder Konzerte geben wird und dass Musikerinnen und Musiker, Clubs und Konzertveranstalter*innnen, also all die Leute, mit denen wir normalerweise täglich zu tun haben, bald wieder arbeiten und uns damit bereichern und beglücken können.

Das könnte dich auch interessieren:

ByteFM: “Die Streamingdienste spielen uns in die Hände”
Volker Rebell: „Radio ist für mich ein wunderbares Medium“

Tags: ByteFM, Hamburg, Ruben Jonas Schnell

Berlin Ernachrichten