Bumble: Wie meine Schraubenmutter jetzt online neue Freunde sucht und findet

Es gibt so viele schreckliche Floskeln. Mein absoluter Favorit (bisher) im Gruselkabinett der Wandtattoo-Weisheiten: „Ich will meinen Eltern etwas zurückgeben.“ Ganz ehrlich, das sind doch meist Worthülsen, finde ich. Oder was soll das konkret bedeuten? Das Taschengeld zurückzahlen? Wohl kaum. Seit kurzem weiß ich aber, was es wirklich bedeuten könnte. Und anscheinend habe ich einen Seelenverwandten, der ähnlich denkt und handelt, obwohl wir uns (bisher) nicht kennen.

Meine Eltern haben sich in Berlin kennengelernt. Wenn ich Bilder von damals sehe, fällt mir besonders auf, wie viele Menschen sie in dieser Zeit um sich hatten. In Geschichten werden regelmäßig Namen von Freunden genannt, die ich noch nie gehört habe. Wissenschaftlich würde man wahrscheinlich sagen, sie waren eingebunden in ein sehr großes soziales Netzwerk. Kurz nach meiner Geburt sind meine Eltern dann aufs Land gezogen, weit weg von Berlin. Für mich, wie sie betonen. Eigener Garten, eigener Hof, viel Platz zum Spielen: Das wäre in der Stadt nicht bezahlbar. Die Kehrseite: Sozial mussten Mama und Papa nochmal neu anfangen.

Meine Mutter sucht Freunde: Die Vorgeschichte

Abseits der Stadt neue Menschen kennenzulernen ist schwierig. Der Sportverein war für meinen Vater die Lösung. Für meine Mutter war und ist es kniffliger. Evangelisches Frauenfrühstück? Gott bewahre. Strickgruppe der Nachbarin? Auf keinen Fall. Elternclub der Fußballspieler? Lieber nicht. Im besten Fall hat man Glück und das Kind freundet sich mit anderen Kindern an, die nette Eltern haben. Eine Weile hat das super funktioniert. Aber irgendwann sind die Kinder, beziehungsweise, wie in meinem Fall, das Kind dann erwachsen und ziehen weg. Was dann?

Neun Jahre nach meinem Auszug erzählt mir eine Freundin (29 Jahre), dass sie jetzt online nach neuen Freunden sucht. Ihre langjährige Mitbewohnerin und beste Freundin ist gerade nach Berlin gezogen, andere Freunde heiraten, kriegen Kinder und sind ständig beschäftigt. Dazu erschwert es Corona, im „echten Leben“ neue Menschen kennenzulernen. Irgendwie liegt es so nahe und dennoch hat es mich dann doch sehr überrascht, als sie mir erzählt, dass sie nun online nach neuen Leuten sucht.

Wir installieren die Bumble-App

Das geht zum Beispiel mit Bumble. Die meisten kennen solche Apps wahrscheinlich nur in Verbindung mit Dating. Auf Bumble lässt sich einstellen, wonach man sucht. Drei verschiedene Modi gibt es: den Dating-Modus, den Netzwerken-Modus (für berufliche Kontakte) und den Freunde-Modus.

Ein paar Tage nach diesem Gespräch besuche ich meine Eltern und erzähle meiner Mutter davon. Fünf Minuten später sitzen wir am Küchentisch, meine Mutter zückt ihre Brille und ihr Smartphone. Von der Installation bis zum Start dauert es zehn Minuten. Wir wählen zwei Bilder aus, geben ihren Namen und ihr Alter ein und stellen den Suchmodus „BFF“ ein. Das steht für „Best friends forever“ (Beste Freunde für immer). Dazu können Fragen beantwortet werden: Was ist mir wichtig an einer Freundschaft? Wir werden uns verstehen, wenn…? Meine wirkliche Superpower ist…? Um nicht in die eingangs beschriebene Floskel-Falle zu tappen, überspringen wir diesen Schritt erstmal, kann Mama ja später immer noch ergänzen. Jetzt geht es los. Wir sind beide aufgeregt.

Die ersten Profile auf Bumble

Was mir direkt auffällt: das Tempo. Es dauert geschätzte fünf Minuten bis meine Mutter das erste Mal wischt. Wischen bedeutet, sie schiebt das Profil einer anderen Frau nach links („Sieht nicht sympathisch aus, ist mir suspekt, zur Hölle: nein“) oder nach rechts („Ein Versuch ist es wert, die sieht aber nett aus, mit ihr könnte ich vielleicht sogar mal in den Urlaub fahren“). Ein Freund von mir hat es einmal geschafft, so viele Profile zu wischen, dass ihm die Dating-App in der Millionenstadt Köln keine neuen Vorschläge mehr machen konnte, weil scheinbar alle angemeldeten Frauen schon bewertet wurden. Davon ist meine Mutter mir ihrer Frequenz weit entfernt.

Was uns beiden auffällt: Männer suchen online offensichtlich keine Freunde. Dates ja, Netzwerken ja, Freunde nein. Etwas traurig ist auch der Umstand, dass Mama einen Umkreis von mindestens 30 Kilometern einstellen muss, sonst wird niemand angezeigt. Meine Mutter stellt den Regler auf 50 Kilometer. Oder vielleicht doch 60 Kilometer? Sie überlegt und entscheidet sich für 55 Kilometer. Ein Millimeter auf dem Smartphone kann über die Freundschaft fürs Leben entscheiden. Verrückte Welt.

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Vater macht mit seinen Kindern den Abwasch.

Fast noch schwieriger: Welches Alter stellen wir im Suchfilter ein? Das fällt wahrscheinlich gerade „älteren“ Menschen schwer. Zwischen 18 und 70 Jahren ist alles möglich. Meine Mutter schaut sich die Bilder der ersten Frau an und liest den Profiltext. Dann wischt sie nach links. Das bedeutet, sie möchte diese Frau nicht kennenlernen. Nach vier Ablehnungen erscheint Claudia – und unser beider Mundwinkel zieht es spontan nach oben. Scheinbar haben wir den gleichen Diese-Frau-könnte-eine-gute-Freundin-sein-Geschmack. Der erste Wisch nach rechts. Erstmal kein Match. Mist! Danach legt meine Mutter das Handy weg. „Reicht für heute, wir machen morgen weiter“, sagt sie. Ich bin fassungslos. Den ganzen Abend nerve ich, dass wir weitermachen.

Das erste Match meiner Mutter 

Am nächsten Tag fahre ich zurück nach Köln. Am Abend kommt dann die Nachricht, für mich wahrscheinlich die schönste der vergangenen Wochen: Meine Mutter und Claudia haben ein Match. Das bedeutet: Mittlerweile wurde Claudia das Profil meiner Mutter vorgeschlagen und sie hat es nach rechts geschoben. Nur dann verknüpft die App beide Profile und man kann miteinander schreiben.

Der Clou bei Bumble: Innerhalb von 24 Stunden muss man Kontakt aufnehmen und die erste Nachricht auch beantworten, sonst ist das Match nicht mehr sichtbar. Bei Mama war es ziemlich knapp: „Nachts um halb zwei habe ich nochmal in die App geschaut und festgestellt: Ich muss in sechs Stunden zurückschreiben, sonst geht es nicht mehr.“

Dieses 24-Stunden-Zeitfenster ist natürlich der Kniff eines Tech-Konzerns, um Menschen möglichst schnell und lange vor dem Bildschirm zu fesseln. „Trotzdem bin ich froh über das Zeit-Limit, sonst hätte ich mir ewig Zeit gelassen und am Ende vielleicht doch nicht den Mumm gehabt, Kontakt aufzunehmen“, sagt meine Mutter.

Die große Überraschung hat auch mit Köln zu tun

Claudia ist 59 Jahre alt und damit zwei Jahre jünger als meine Mutter. Sie kommt aus der Nähe von Frankfurt. Ihr Sohn hat ihr am gleichen Tag von der Online-Freunde-Kennenlernen-App erzählt. Ist, wie ich, 29 Jahre alt. Und wohnt ebenfalls in Köln.

Seit drei Wochen schreiben sich unsere Mütter – über „Fermentieren“, „Gärtnern“ und „Ingwer“, wie meine Mutter mir am Telefon erzählt. Bisher sei es eher Smalltalk, trotzdem haben beide den Wunsch geäußert, sich in Echtzeit zu treffen.

Die Bilanz nach drei Wochen Bumble: Zwölfmal gewischt, viermal nach rechts (Like), achtmal nach links (kein Like). Und ein neues Thema für unsere Telefonate: Nach Wetter, Familie und Corona kommt nun die Frage: „Und Mama, was gibt’s neues auf Bumble?“

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