Buchkritik zu »Revanche« – Spektrum jener Wissenschaft

Nach Werken wie »Das Böse« hat sich der Bestsellerautor Reinhard Haller des Themas Rache angenommen. Auch sein neuestes Sachbuch beinhaltet, wie man es von ihm gewohnt ist, sowohl wissenschaftliche Hintergründe als auch eine Vielzahl von Fallbeispielen. Damit setzt der österreichische Gerichtspsychiater und Therapeut sein Erfolgskonzept fort.

Verschiedene Spielarten eines zerstörerischen Gefühls

Gleich zu Beginn macht Haller klar, dass Rache ein komplexes Gefühl darstellt – und die Forschung dazu bislang spärlich ist. Die ersten Kapitel führen nur sehr langsam an die Frage heran, warum in manchen Menschen ein unstillbares Verlangen nach Vergeltung entsteht. Zum Teil mutet die Lektüre wie ein Lexikon der Rache an, in dem verschiedene Spielarten des Gefühls – von Schadenfreude bis Rachekrieg – durchdekliniert werden. Wer nicht abgesprungen ist, kommt schließlich ab Kapitel drei dem Kern der Rache näher: Endlich geht es um Erklärungsversuche, etwa aus Hirnforschung und Psychoanalyse, und Motive wie Gerechtigkeitsempfinden oder Selbstwertprobleme.

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Die vielen Fallbeispiele, die einen weiten Bogen von der Literatur über die Religion bis hin zu historischen und aktuellen Begebenheiten spannen, lockern die Lektüre definitiv auf. Trotzdem ist beim Lesen ein hohes Maß an Konzentration gefragt: Spitzfindigkeiten ziehen die Sätze teils in die Länge. Immer wieder teilt der Autor an passenden und unpassenden Stellen gegen Narzissten aus, die ihm zufolge besonders grausam Rache üben. Dieser Persönlichkeitsstruktur hat Haller 2019 mit »Die Narzissmusfalle« ebenfalls ein Buch gewidmet.

Zentrales Motiv: Kränkung

Mitunter gibt es unnötige Sprünge: So wird die griechische Sage vom selbstverliebten Narkissos bereits 70 Seiten vor jenem Kapitel erzählt, das sich mit Narzissten befasst. Andere Erklärungen kommen hingegen zu spät, etwa die Grafik auf S. 175. Sie stellt die Kränkung als zentrale Racheursache dar, der die zuvor lang und breit beschriebenen Emotionen wie Hass nur folgen. Darüber hinaus ist es schade, dass ein Großteil der hinten angeführten Literatur nicht im Text erwähnt wird, so dass man nicht weiß, wo man diverse Fakten nachlesen könnte.