Buchkritik zu »König Artus« – Spektrum jener Wissenschaft

Wut und der Wunsch nach Rache müssen riesig gewesen sein: Artus, der einst stolze König der Tafelrunde, wurde von seinem finsteren Neffen Mordred sowohl um seine Gattin Guinevere als auch um sein Königreich betrogen. Den Showdown überleben sie nicht, der tödlich verwundete Artus wird auf die mythische Feeninsel Avalon entrückt. Ebenso berichtet die Sage von vielen mythologischen Figuren wie dem undurchsichtigen Magier Merlin oder der »Herrin vom See« – offenbar einer Feengestalt. Letzterer verdankt Artus das magische Schwert Excalibur.

Idealer Herrscher mit ungebändigtem Machtanspruch

Der Germanist und Skandinavist Arnulf Krause geht in seinem Sachbuch dem Entstehungskontext dieser Sage sowie der umstrittenen historischen Authentizität ihres Königs nach. Dazu skizziert er zunächst den Artusstoff und seine literarischen Weiterentwicklungen. Zentrale Werke stammen von dem walisischen Geistlichen Geoffrey of Monmouth (1100–1154) und dem Ritter Thomas Malory (1405–1471). Ersterer verfasste seine »Historia regnum Britanniae« um 1136 und machte die Artussage einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Das ebenfalls einflussreiche Werk »Le Morte Darthur« von Malory, über dessen Biografie nur wenige gesicherte Daten bekannt sind, ist mit 21 Büchern und 507 Kapiteln der umfangreichste Text über Artus und die Abenteuer seiner Ritter der Tafelrunde. Krause weist darauf hin, dass Artus in diesen Werken und verwandten Sagenkreisen zwar als idealer Herrscher erscheint, aber auch einen ungebändigten Machtanspruch hat.

Historische und literarische Spuren der Sage lassen sich bis in das spätantike 5. Jahrhundert n. Chr. zurückverfolgen. Daher untersucht Krause die Berichte vor dem historisch-keltischen Hintergrund der Regionen Irland und Wales sowie der römischen Herrschaft über Britannien und der sächsischen Einwanderung zur Zeit der Völkerwanderung. Doch gerade das 5. und 6. Jahrhundert der Inselkelten gilt wegen seiner prekären Quellenlage in der Geschichtswissenschaft als »Dunkles Zeitalter« (»Dark Age«). Sichere Erkenntnisse lassen sich somit kaum gewinnen.

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In der Nachwirkung inspirierte die Welt der Artussage seit Monmouth sowohl zu folkloristischer, künstlerischer und wissenschaftliche Beschäftigung als auch zu wilden Spekulationen. Die literarische Rezeption führt von satirischen Werken wie Miguel de Cervantes’ (1547–1616) »Don Quijote« über Opern wie Richard Wagners (1813–1883) »Tristan und Isolde« bis hin zu Fantasy-Romanen wie den »Nebeln von Avalon« der Schriftstellerin Marion Zimmer-Bradley (1930–1999).

Sowohl die mythologischen Figuren des Königs und des Zauberers Merlin, der Heilige Gral, Avalon, die Anderwelt oder Objekte wie Schwerter und Lanzen aus der Sage geben bis heute faszinierende Rätsel auf. Krause verweist etwa darauf, dass Artusforscher die Suche nach dem Heiligen Gral als archetypische Suche des Menschen interpretiert haben. Es ist umstritten, ob die Helden der Legende auf mythologische Vorstellungen oder Schemata der Märchengattung zurückzuführen sind. Für Artus spekuliert man oft sogar über konkrete historische Vorbilder.

Zwar vermutet auch Krause einen historischen Vorgänger des Königs in den »Dark Ages«. Doch erweitert er die an mehr oder weniger gut begründeten Spekulationen reiche Literatur nicht um eine weitere Theorie, sondern präsentiert stattdessen den gegenwärtigen Forschungsstand. So diskutiert er die Ergebnisse des Forschers Geoffrey Ashe (* 1923), der den König als den spätantiken bretonischen Heerführer Riothamus interpretiert und damit den Kern der Artussage nach Frankreich verlegt. Dagegen verortet die amerikanische Literaturwissenschaftlerin Lorre Goodrich (1917–2006) Artus in der Grenzregion zwischen England und Schottland. Den englischen Historiker Guy Halsall (* 1964) wiederum zitiert Krause mit der Einschätzung, die Suche nach einem historischen Artus sei letztlich unergiebig. Der Autor überlässt es augenzwinkernd dem Leser, zu entscheiden, ob man die mythologische oder die – möglicherweise – reale Person des Königs faszinierender findet.

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