Buchkritik zu »Kann Wissenschaft witzig?«

Man sollte eigentlich eine Buchkritik nicht mit dem Ende beginnen. Doch das Nachwort ist eines der wichtigsten Kapitel in »Kann Wissenschaft witzig?«. Es spitzt das Thema auf die Frage zu: Kann man auch ironisch mit Corona umgehen? Die Herausgeber erklären, warum sie das für wichtig halten. So sei es zwar das Verdienst der Wissenschafts-Erklärer wie Christian Drosten und Mai Thi Nguyen-Kim, dass das generelle Vertrauen in die Wissenschaft gestiegen ist. Aber können Wissenschaftler sich selbst gegenüber kritisch zeigen, um unabhängig distanziert zu beraten? Genau das leisten jedenfalls kabarettistische Formen der Kommunikation.

Zwei der Herausgeber, Marc-Denis Weitze und Wolfgang Heckl, sind Wissenschaftler, die sich der Kommunikation verschrieben haben, während der dritte, Wolfgang Goede, Wissenschaftsjournalist ist. In 22 Kapiteln lassen sie Autoren wie Jean Pütz, Vince Ebert und viele andere zu »Science Slam über Schafskäse und Autoreifen«, »Wie Zauberkunst Wissen schafft« oder »Die Diktatur der Dummheit« schreiben. Die Autoren sind leidenschaftliche Wissensvermittler und Kabarettisten und schildern ihren Berufsalltag oder geben Tipps für angehende Komiker und Komikerinnen. Sie erörtern den Nutzen von humoriger Wissenschaft auf die Gesundheit oder welche grundsätzliche Aufgabe das Kabarett in einer Gesellschaft hat. Vince Ebert erklärt, wie man allein mit der Frage »Ist Bier im Kühlschrank?« 2500 Jahre Wissenschaftsgeschichte aufdröseln kann.

Im Buch herrscht allerdings etwas Chaos zwischen lachenden Vermittlern, Wissens-Werbern und denen, die Wissenschaft kritisch unter die Lupe nehmen. Eine klare Trennung hätte dem Buch gut getan. Denn im Gegensatz zu den Erklärern seien Gaukler und Hofnarren eine Art Frühwarnsystem, die in ihrer überspitzten Art auf Missstände aufmerksam machen. Auch der Umgang der Herrschenden auf deren Geläster würde einiges über ihr Verständnis von Kunstfreiheit offenbaren. Weitze liefert ein treffendes Beispiel dazu: So wurde 1986 die Ausstrahlung der Kabarettsendung »Scheibenwischer« vom Direktor des Bayerischen Rundfunks unterbunden, um das Volk vor Spott über Kernenergie zu schützen – denn kurz zuvor ereignete sich der Super-GAU im Atomkraftwerk von Tschernobyl.

Weniger in der Kritik stehen üblicherweise die Erklärer, die wie die nerdige Figur Sheldon Cooper aus der TV-Serie »The Big Bang Theory« junge Leute motivieren, Physik zu studieren. Die Autoren sind der Meinung, witzige Wissenschaft würde Menschen dazu anregen, unbeliebten Fächern ihre Aufmerksamkeit zu schenken, da der Inhalt interessant dargestellt würde. Tatsächlich habe die ironische Darstellung sogar eine therapeutische Wirkung. Leider steht das eher als Behauptung im Raum – es wäre schön gewesen, einen wissenschaftlich fundierten Hinweis dazu zu lesen. Zwar geben einige Autoren Studien als Quellen an, ohne jedoch im Text darauf einzugehen, wie belastbar die gesundheitliche Wirkung witziger Wissenschaft wirklich ist. Zum Beispiel könnten witzige Anmerkungen die Einstellung zu Organspenden verändern, behauptet Eckart von Hirschhausen: So sei nach einem lustigen Satz über Organspende die Bereitschaft der Zuhörer dazu wirksam gestiegen. Studierende hätten dies nach vier Shows – zwei mit dem Witz und zwei ohne – mit einer anonymen Online-Befragung ermittelt. Etwas mehr zur Evidenz dieser Befragung zu erfahren, hätte auch an dieser Stelle gutgetan.

Wäre also eine Kabarett-Sendung über die Wissenschaft zum Coronavirus, zu Organspenden oder zum Impfen gerechtfertigt? Die Texte der Autoren zeigen, dass Humor eine bedeutende Aufgabe erfüllt. Es hält den Herrschenden und Wissenschaftlern den Spiegel vor – und das ist immer wichtig. Allerdings zeigt die aufgeregte Diskussion um die Videos »Alles dicht machen«, wie komplex und schwierig es sein kann, sensible Themen zu behandeln.

Das könnte Sie auch interessieren:

Grundsätzliche Kritik formuliert Hanns-J. Neubert im Kapitel »Distanz. Bitte!«. Demnach sollte Wissenschafts-Kabarett nicht in den Händen von Wissenschaftlern liegen. Politisches Kabarett würden schließlich auch keine Politiker machen. Leider finden sich im Buch nur zwei Autorinnen. Schon im »normalen« Kabarett klagen Frauen, zu wenig als Kabarettistinnen wahrgenommen zu werden. In der Sendung »Ladies Night« beweisen sie – in rein weiblicher Besetzung –, dass es auch anders geht.

Berlin Ernachrichten