Buchkritik zu »Emmy Noether« – Spektrum der Wissenschaft

Die Vorlesung »Algebra I«, die ich im dritten Semester hörte, folgte in ihrem Aufbau im Wesentlichen dem Buch »Algebra« von Bartel Leendert van der Waerden (1903–1996). Dem Untertitel »Unter Benutzung von Vorlesungen von E. Artin und E. Noether« habe ich damals keine Beachtung geschenkt. Erst aus dem vorliegenden Buch erfahre ich, dass mir damit die große Leistung von Emmy Noether zugutegekommen ist: Sie hat die Neuausrichtung der Algebra weg von konkreten Rechentechniken und hin zu abstrakten Strukturen wie Gruppen, Ringen und Körpern entscheidend vorangetrieben.

In meinem Studium kam ihr Name erst später explizit zur Sprache, in der theoretischen Physik. Zu jedem Erhaltungssatz gehört eine Symmetrie und umgekehrt. So folgt zum Beispiel die Energieerhaltung aus der Tatsache, dass die physikalischen Gesetze symmetrisch gegenüber Verschiebungen in der Zeit sind: Sie bleiben unverändert (invariant), wenn man den Nullpunkt der Zeitrechnung auf ein anderes Datum legt. Das ist der Inhalt der Sätze, die als »Noether-Theoreme« berühmt geworden sind.

Von Unterdrückung geplagt

Was die Wissenschaft angeht, liegt Emmy Noethers Zeit also nicht fern der Gegenwart. Ganz anders als ihre Lebensgeschichte. Die Hindernisse, die sich ihr in den Weg stellten, wirken wie aus einer anderen Welt; dabei sind sie gerade mal ein Jahrhundert her. Als Amalie Noether, die sich später Emmy nennt, 1882 als Tochter eines Mathematikprofessors in Erlangen geboren wird, gilt die Vorstellung, eine Frau könnte ihren Lebensunterhalt durch Arbeit bestreiten, noch als abwegig – und das durch wissenschaftliche Arbeit zu tun, war geradezu absurd. Damalige offizielle Begründungen wie die des Münchener Anatomen Theodor Bischoff klingen heute haarsträubend: »Die Beschäftigung mit dem Studium und der Ausübung der Medicin widerstreitet und verletzt die besten und edelsten Seiten der weiblichen Natur, die Sittsamkeit, Schamhaftigkeit, Mitgefühl und Barmherzigkeit, durch welche sich dieselbe vor der männlichen auszeichnet.«