Britische Wirtschaft: Schneller aus jener schlimmer Zustand dank Impfungen?

Stand: 13.03.2021 16:51 Uhr

Nach dem Einbruch im vergangenen Jahr soll die britische Wirtschaft in diesem Jahr wieder wachsen. Die Fortschritte bei der Impfkampagne machen Hoffnung, doch die Folgen des Brexit wiegen schwer.

Als holländische Zollbeamte im Januar anfingen, britischen Lkw-Fahrern ihre Wurst- und Käsebrote wegzunehmen, weil die Einfuhr von Fleisch- und Milchprodukten in die EU seit dem Brexit nicht mehr gestattet ist, war die Empörung groß. Vielen Briten wurde erst jetzt bewusst, welche ganz konkreten Folgen der Austritt des Landes aus der EU für sie im Alltagsleben hat – und womöglich noch haben wird. Denn die versprochene Zollfreiheit erweist sich bisher als weitgehend leeres Versprechen.

Denn die Anforderungen sind komplizierter als befürchtet und bergen für manche Unternehmen teure Überraschungen. Dazu gehört die Pflicht für Exporteure, sich in Großbritannien für die Einfuhrumsatzsteuer registrieren zu lassen. Briten müssen dies sogar für jedes einzelne EU-Land machen. Manche Ausfuhren lohnen sich dann plötzlich nicht mehr. So sind die Exporte im Januar um über 40 Prozent zurückgegangen, wie das Statistikamt ONS mitteilte. Auch die Importe sanken zweistellig.

Hinzu kommt: Das Freihandelsabkommen mit der EU beinhaltet nicht die Dienstleistungen, also auch nicht den für die britische Wirtschaft besonders wichtigen Finanzsektor. Keine guten Aussichten also für die britische Wirtschaft, sollte sich dieser Trend fortsetzen.

BIP könnte im ersten Quartal um vier Prozent sinken

Was der Brexit bedeutet, bekam auch die Londoner Börse zu spüren. Gleich zu Jahresbeginn waren nämlich die Aktienhändler auf das Festland entschwunden und machten Amsterdam zum größten Handelsplatz für Aktien in Europa. London, das bis dahin den ersten Platz inne hatte, war abgelöst. So erreichte der tägliche Handel an der Börse Euronext Amsterdam mit 9,2 Milliarden Euro ein vier Mal höheres Volumen als im Dezember. Bisher weiß niemand, ob diese Verschiebungen von Dauer sein werden oder sich im weiteren Verlauf etwas zurückbilden, doch die Folgen für die britische Wirtschaft sind beträchtlich.

Berechnungen der Bank of England zufolge könnte das BIP im ersten Quartal 2021 um vier Prozent schrumpfen. Neben den Folgen des Brexit bleibt die Corona-Pandemie mit ihren Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen die größte Belastung für die Wirtschaft. Trotz des Rückgangs der Wirtschaftsleistung dürften die Auswirkungen aber “nicht so gravierend sein wie im zweiten Quartal 2020”, schreibt die Bank in ihrem “Bericht zur Geldpolitik”. Damals musste das Land einen zweistelligen BIP-Einbruch verkraften.

Erfolgreiche Impfkampagne

Hoffnung macht in diesem Jahr die rasche Ausweitung der Impfkampagne gegen das Coronavirus. Inzwischen sind 24 Millionen Menschen in Großbritannien mindestens einmal geimpft, also rund 40 Prozent der Bevölkerung, während es in Deutschland weiter stockt. Bis Mitte April sollen alle Personen, die medizinisch gefährdet und die älter als 50 Jahre sind, immunisiert werden, bis Ende Juli die gesamte erwachsene Bevölkerung.

Damit verbunden sind Lockerungen und die Aussicht auf ein weitgehend normales Alltagsleben ab Juli. Ökonomen hoffen, dass die Maßnahmen schon ab April einen schnellen Aufschwung befeuern könnten – unter anderem durch einen kräftigen Anstieg des privaten Konsums. “Die erfolgreiche Impfkampagne in Großbritannien schürt Hoffnungen auf eine schnelle Erholung und verleiht dem Pfund Auftrieb”, sagt Devisenexpertin Thu Lan Nguyen von der Commerzbank.

Tatsächlich gilt die Erholung des Pfundes gegenüber Euro und Dollar als Vertrauensbeweis für die britische Regierung und ihre Kapazität, die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Tatsächlich hat sich das Pfund seit Jahresbeginn deutlich besser entwickelt als die meisten anderen Währungen. Erstmals seit April 2018 stieg das Pfund jüngst über den Wert von 1,40 Dollar. Im Vergleich zum Euro legte es seit Jahresbeginn um fast vier Prozent zu.

Fundamentale Risiken ausgeblendet

Doch Ökonomen warnen vor übertriebener Euphorie. So blende der Markt die reichlich vorhandenen fundamentalen Risiken komplett aus. Denn trotz aller Impffortschritte dürften die negativen Folgen des Brexit schon bald wieder zutage treten. “Womöglich dauert es noch einige Zeit, bis die Auswirkungen der Pandemie und die des Brexits klarer unterscheidbar werden,” urteilt Expertin Nguyen.

Auch habe das wieder erstarkte Pfund negative Auswirkungen: Großbritannien profitiert weniger von den gestiegenen Ölpreisen, weil die in Dollar berechnet werden, die britischen Waren verteuern sich. Der Internationale Währungsfonds ist deshalb skeptisch. Das Land komme beim Impfen zwar viel schneller voran als der Kontinent, doch gebe es für die Wirtschaft erhebliche Risiken, heißt es in den jüngsten Prognosen des IWF.

Wachstum nach unten revidiert

Die Experten trauen den Briten in diesem Jahr nur noch ein Wirtschaftswachstum von 4,5 Prozent zu, was einer Kürzung der Prognose um 1,4 Prozentpunkte entspricht. Der sehr harte Lockdown zu Beginn des Jahres werde die Wirtschaft des Landes bis zum Jahresende belasten, so der Währungsfonds. Erst im kommenden Jahr könne die Wirtschaftsleistung des Landes das Vorkrisenniveau wieder erreichen – im günstigsten Fall. Andere Ökonomen sind nicht so optimistisch: Sie glauben, dass die Erholung länger dauern wird.

Die britische Regierung geht in ihrer jüngsten Prognose ebenfalls davon aus, dass die Wirtschaft in diesem Jahr langsamer wächst als noch im Dezember geschätzt. Statt um 5,9 Prozent erwartet sie jetzt noch ein Plus von 4,3 Prozent. Dass die letzten Lockdown-Maßnahmen erst im Juli fallen dürften, werde die Konjunktur ausbremsen, so die Befürchtung. Richtig loslegen dürfte die Wirtschaft aber im kommenden Jahr. Dann dürften auch die letzten Unklarheiten in Sachen Zollformalitäten mit der EU ausgeräumt sein, hoffen die Politiker in London. Laut einer kürzlich veröffentlichten Schätzung des halbamtlichen Wirtschaftsinstituts “Office for Budget Responsibility” (OBR) dürfte die britische Wirtschaft im nächsten Jahr so stark wachsen wie seit 1948 nicht mehr: um 7,3 Prozent.

Riesiger Schuldenberg

Maßgeblich dazu beitragen sollen Steuererleichterungen und staatliche Hilfen im Volumen von 59 Milliarden Pfund, rund drei Prozent des im vergangenen erreichten Bruttoinlandsprodukts (BIP). Doch von Dauer dürfte die Erholung nicht sein. Schon im Jahr 2023 erwarten die Ökonomen, dass die britische Wirtschaft nur noch um 1,7 Prozent zulegen. Denn die Corona-Pandemie wird dem Land einen gigantischen Schuldenberg hinterlassen, den es abzutragen gilt. Die Ökonomen des OBR beziffern ihn auf 14000 Pfund je Haushalt, was 355 Milliarden Pfund oder 16.9 Prozent des BIP entspricht.

Gut möglich also, dass Regierung und Notenbanker kein Interesse an steigenden Zinsen und einem starken Pfund haben, mutmaßen die Experten des OBR. “Im Gegenteil. Um Unternehmen im Land zu halten und Schulden abzubauen, würde eine Pfund-Abwertung dem Land sogar helfen.”

Berlin Ernachrichten