Brigitte Gübeli, Hostess an den Schwellen zu neuen Lebensphasen

Nach einer herausfordernden Karriere im Internet marketing, hat die Wilerin Brigitte Gübeli zu ihrer Berufung gefunden: sie gestaltet mit Menschen Übergänge in neue Lebensabschnitte.

27. September 2021 03:00 Uhr

Adrian Zeller

Brigitte Gübeli während eines Rituals für ein Hochzeitspaar.

Foto: Sylvia Michel

Begonnen hat es mit der Lektüre eines Artikels in einer Zeitschrift über Rituale mit Kindern. «Das Thema hat mich sehr angesprochen. Ich dachte es in meinem Kopf weiter, nicht nur im Zusammenhang mit Kindern», erinnert sich Brigitte Gübeli. In der Folge informierte sie sich über allfällige Ausbildungsmöglichkeiten in Ritualgestaltung. Sie fand eine entsprechende Schule.

Reifezeit 

Am entsprechenden Infoanlass «fiel es ihr wie Schuppen von den Augen», wie sie sich ausdrückt, dass sie bereits zehn Jahre zuvor an einer ähnlichen Veranstaltung teilgenommen hat. 

Damals, beim ersten Mal, schien für sie das Thema noch nicht reif, um es zu ihrem Beruf werden zu lassen. Mittlerweile ist es zu einer Berufung geworden. Im Gespräch mit der Mutter eines Sohnes im schulpflichtigen Change ist ihre Begeisterung für das Thema deutlich spürbar.

Leben gegen aussen

Nach der Matura führte der Lebensweg von Brigitte Gübeli in eine völlig andere Richtung, sie wurde zur Marketingfachfrau. Sie arbeitete unter anderem für eine Privatbank. «Es war eine sehr spannende Zeit, in der ich verschiedene interessante Menschen kennengelernt habe, aber das häufige Reisen und die stets sehr nach aussen gerichtete Lebensweise befriedigte mich auf Dauer nicht», erzählt sie rückblickend. 

Vor rund zehn Jahren spürte sie, dass sich für sie die Phase des anspruchsvollen Alltags im Promoting dem Ende zuneigt. «Ich bin ein Mensch, der leicht eine Lebensphase abschliessen und mich einem neuen Thema zuwenden kann», sagt das ehemalige Mannschaftsmitglied eines Nati-A-Teams im Volleyball.

Brigitte Gübeli vor einer Hochzeitslocation (Foto: Chiara Callarius) 

Entwicklungsphase für Text

Ihre neue Tätigkeit als Ritualgestalterin unterscheidet sich sehr von ihrem vorherigen Beruf, der ein sehr extravertiertes Verhalten erforderte. «Bei der Vorbereitung einer Zeremonie bin ich mit meinen Gedanken alleine.» In dieser Stage formt sich in ihrem Inneren ein Text, den sie später innerhalb des Rituals vortragen wird.

Zuvor hat sie sich im Gespräch von den Klienten, ihrer Lebensweise und ihren Wünschen ein Bild gemacht. Bei einem Verstorbenen erzählen die Hinterbliebenen von der Biografie des Menschen, der mit einem Ritual verabschiedet werden soll. Einfühlungsvermögen sei eine ihrer Stärken, ist Brigitte Gübeli überzeugt. «Dies ist ein Geschenk für mich.» Es falle ihr leicht, die Lebenssituation von Menschen zu erfassen.

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Brigitte Gübeli: «Einen Menschen in Würde zu verabschieden, ist tröstlich und in besonderer Weise auch schön.» (Foto: Adrian Zeller) 

In Würde gehen lassen

Abschiedsrituale für Verstorbene sind für sie nicht nur Anlässe voller Trauer. «Einen Menschen in Würde zu verabschieden, ist tröstlich und in besonderer Weise auch schön.» Vor vielen Jahren habe sie den Abschied von einem Arbeitskollegen erlebt, der an Krebs verstorben ist. Er hat seine eigene Abschiedsfeier vorbereitet, einen Text aufgesetzt und die Musik bestimmt, die gespielt werden soll, diese Erfahrung hat Brigitte Gübeli tief geprägt. «Es war ein Schlüsselerlebnis für mich.»

Nachhaltig prägend war auch die erste Abschiedszeremonie, die sie vor einigen Jahren als frisch ausgebildete Ritualgestalterin leitete. Der Verstorbene war ihr Onkel. Seinem Hinschied war ein langer Krankheitsweg vorausgegangen. Seit dieser ersten Zeremonie hat sie rund dreissig Ritualfeiern gestaltet. Dabei waren Hochzeiten, Willkommensfeiern für Neugeborene sowie Abschiedsfeiern für Verstorbene.

Übergänge in der Natur

«Ich bin im Obertoggenburg aufgewachsen, da haben die Menschen noch eine starke Verbundenheit mit den Kreisläufen der Natur», sagt die im Grubenquartier Wohnhafte. Sie ist überzeugt, dass bewusst gestaltete Abschiede und Neuanfänge von Lebensphasen für die Menschen sehr wichtig und prägend sind.

Nur ein Teil der Menschen kann sich heute mit den entsprechenden Angeboten der Landeskirchen identifizieren, sie wenden sich an Ritualgestalterinnen und -gestalter ohne weltanschauliche Ausrichtung. Brigitte Gübeli stellt klar, dass für sie persönlich die spirituelle Dimension im Leben wichtig ist, doch von allfälligen esoterischen Lehren distanziert sie sich.        

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