Bremer Tobak-Vermächtnis im “Tatort”: “Sie Villa hat welches von gepflegtem Inzest”

So richtig zünden will der zweite Fall des neuen Bremer Ermittlerteams nicht. Inmitten der eher lahmen Handlung steht aber ein Thema, das die meisten so nicht (mehr) auf dem Schirm haben dürften: Bremen als Tabakhochburg.

Aufhoven, so heißt die ebenso alteingesessene wie von innen verdorbene Bremer Kaufmannsfamilie im neuen “Tatort”. Auch wenn der Name eher nach einer (nicht weniger alteingesessenen) Hamburger Kaffeerösterei klingt: Die Aufhovens und ihr vom Lungenkrebs geplagter Patriarch machen in Tabak und sollen damit in gewisser Weise das letzte Aufbäumen ihrer langsam aussterbenden Branche verkörpern. Das kommt im “Tatort” arg melodramatisch daher: “Diese Villa hat was von gepflegtem Inzest”, legt Drehbuchautor Christian Jeltsch etwa Kommissarin Selb (Luise Wolfram) in den Mund, ohne dass das später von der Geschichte getragen wird.

Teure Zigarren, lahme Handlung: “Und immer gewinnt die Nacht.”

(Foto: Radio Bremen/Michael Ihle)

So lahm die Handlung von “Und immer gewinnt die Nacht” auch erzählt wird, die Geschichte der Aufhovens macht trotzdem neugierig auf ein beinahe schon vergessenes Kapitel deutscher Geschichte: Bremen war nämlich bis vor wenigen Jahrzehnten eine absolute Tabakhochburg, mit “Lord Extra” kam eine der meistgerauchten Zigaretten der Welt aus der Hansestadt – und auch heute noch ist die Stadt nach Antwerpen der zweitgrößte Lagerplatz von Rohtabak auf dem europäischen Festland.

1000 Zigarren am Tag

Die großen Produzenten sind indes schon lange weg oder haben dichtgemacht: Die Brinkmann-Werke etwa, zu Hochzeiten in den 1950er-Jahren mit über 6000 Beschäftigten die größte Tabakfabrik Europas, mussten im vergangenen Sommer ihre verbliebenen 74 Mitarbeiter nach Hause schicken: Der Umschwung vom Qualitätsproduzenten zum Hersteller von Billig-Zigarettenhülsen war der letzte Sargnagel im langsamen Untergang von Brinkmann – ein Fakt, der auch im “Tatort” anklingt, selbst wenn die Aufhovens sich auf Billig-Zigarren konzentrieren.

Mit der Schließung von Brinkmann ging eine Ära zu Ende, die Bremen seit mehr als 200 Jahren maßgeblich mitgeprägt hat und die 1813 begonnen hatte, als der Kaufmann Nicolaus Wilkens seine erste Tabakhandlung eröffnete. Mit dem Hafen als Tor zur Welt erlebte Bremen damals einen regelrechten Boom: Bereits 1851 waren 3900 der damals 55.000 Einwohner als Tabakarbeiter beschäftigt. Und während einige wenige – wie die Aufhovens im Film – mit dem importierten Genussgut reich wurden, hatten die meisten Bremer herzlich wenig vom Aufschwung.

“Viele Zigarrenmacher lebten und arbeiteten in den kleinen Häusern hier im Buntentor”, heißt es auf einer Denkmaltafel an ebenjenem Buntentor. “Ein Zigarrenmacher musste bis zu 1000 Zigarren am Tag machen. Dafür musste er 12-14 Stunden arbeiten.” Mit den romantischen Vorstellungen von schenkelgerollten kubanischen Zigarren hatten die damaligen Arbeitsbedingungen also eher wenig zu tun: Zigarrenmacherei war mühevolle Heimarbeit unter oft ausbeuterischen Bedingungen. Damit die Arbeiter ihre monotone Arbeit überhaupt irgendwie ertragen konnten, beschäftigten größere Gruppen von ihnen oft Vorleser, die ihnen aus Zeitungen und sozialistischen Schriften vorlasen – wohl auch einer der Gründe für das Erstarken demokratischer Bewegungen, die später ganz Deutschland erfassten und die bis heute das (rote) Bild der Stadt prägen.

Ein Mosaik im Hauptbahnhof

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs veränderte sich die Lage grundlegend: Statt Zigarren wurden nun vermehrt Zigaretten angefragt, die industriell am Fließband produziert werden konnten. Die Brinkmann AG legte – nicht zuletzt durch die fortgesetzte Produktion während des Krieges – ihren rasanten Aufstieg hin und wurde zu einem regelrechten Wahrzeichen der Stadt – ein Mosaik im Bremer Hauptbahnhof erinnert daran.

Der Anfang vom Ende kam dann aus unerwarteter Richtung und hatte eher profane Gründe: In den 1960ern zog ein Großteil der Produktion nach West-Berlin um, der niedrigeren Steuern wegen. Heute sind es Relikte wie die Bremer Tabakbörse, die an das große und ziemlich ungesunde Erbe der Stadt erinnern: Statt Hunderten von Händlern prüfen, rauchen und bieten heute nur noch ein Dutzend Teilnehmer auf den Zigarren-Tabak, der dort feilgeboten wird. Und auf dem ehemaligen Werksgelände von Brinkmann, wo mal bis zu 6000 Menschen arbeiteten, entstehen nun Wohnungen, Bürolofts und Freizeiteinrichtungen. Nur der Name des Viertels erinnert noch an die ungewöhnliche Vornutzung: Tabakquartier Bremen.