Biomüll: Eine Wissenschaft zum Besten von sich

  • VonAnken Bohnhorst-Vollmer

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Rote Karte für Kunststoff-Kompostbeutel: Landkreis Limburg-Weilburg erklärt sein Vorgehen.

Im Prinzip macht Ruth Zipp aus dem Waldbrunner Ortsteil Fussingen alles richtig bei der Müllentsorgung. Sie trennt und sortiert Abfälle in den grauen oder in den blauen Müllbehälter, sie stopft Umverpackungen in gelbe Säcke, und sie befüllt die braune Komposttonne mit Küchenabfällen. Die sammelt sie zuvor in Kunststoff-Kompostbeuteln.

Genau wegen dieser vorgeblich biologisch abbaubaren Kunststoffbeutel wurde ihre Komposttonne allerdings vor ein paar Wochen nicht geleert. Darüber ist Rutz Zipp verärgert. Anstatt Essensreste, Gemüsestrunke, Kartoffel- und Eierschalen in den Transporter zu verklappen, hängten die Mitarbeiter des Abfallwirtschaftsbetriebs Limburg-Weilburg (AWB) eine Rote Karte an die Tonne. “Leider haben wir Grund zur Beanstandung, da dieses Gefäß nicht gemäß der geltenden Abfallgesetzgebung befüllt ist”, steht auf dem Pappschild.

Wie bitte? Sie fühle sich “öffentlich und schon von Weitem erkennbar als Müllsünder” gebrandmarkt, sagt die Frau aus Fussingen. Dass der AWB Männer und Frauen angestellt habe, um in fremdem Müll zu stöbern, sei eine Vorgehensweise, die “mir sonst nur aus totalitären Staaten” bekannt ist oder aus Krimis. Und weiter: “Ich frage mich durchaus, ob Kontrollen durch ein Unternehmen in der Form überhaupt rechtens sind?”

Fast alles richtig

gemacht

Sie sind es, sagt Bernd Caliari, Betriebsleiter beim AWB. Dennoch kann er den Zorn von Ruth Zipp verstehen. Tatsächlich habe die Frau ja fast alles richtig gemacht, räumt er ein. Sie befasst sich mit dem wichtigen Thema der Mülltrennung, und dass gerade sie eine Rote Karte bekommt, das sorgt natürlich für Unmut. Nur gehe es bei der Müllverarbeitung eben nicht nur um Ruth Zipp aus Fussingen, sondern darum, dass Abfall und dessen Verarbeitung allgemein “einen höheren Stellenwert bekommen”.

Davon sprach auch der Erste Kreisbeigeordnete Jörg Sauer (SPD) im Mai dieses Jahres, als er die Müll-Kontrollen ankündigte. “Der Landkreis Limburg-Weilburg hat sich für diese Aktion entschieden, da alle vorangegangenen Maßnahmen im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit keine messbare Auswirkung auf eine Verbesserung der Qualität des Bioabfalls hatten.” Seither lässt der AWB Mitarbeiter ausschwärmen, die stichprobenartig die Mülltonnendeckel aufklappen, den Inhalt betrachten und dann unter Umständen Kunststoff-Kompostbeutel entdecken, wie Ruth Zipp sie verwendet.

Die versteht jedoch weiterhin nicht, wieso die Beutel schlecht sein sollen, zumal der Hersteller erstens eine DIN-Norm auf die Tüte gedruckt hat, zweitens auf dessen Fertigung aus nachwachsenden Rohstoffen hinweist und drittens angibt, der Beutel werde in rund 90 Tagen verrottet sein. Ihr Anruf als Rote-Karte-Empfängerin beim AWB habe ergeben, dass die Bioabfälle beim professionellen Kompostverwerter beinahe genauso lange brauchten, um zum Qualitätskompost zu werden. Eine Verrottungs-Differenz von fünf oder sechs Tagen könne wohl kaum das Problem und erst recht nicht Grund für eine öffentliche Bloßstellung sein.

Was Ruth Zipp nicht weiß: Die Angaben der Kunststoffbeutel-Hersteller seien leider nicht ganz zutreffend, sagt Bernd Caliari vom Abfallwirtschaftsbetrieb. Zwar sind die Tüten mit einer DIN-Norm bedruckt. Die sei aber nicht mit der Kompostwirtschaft abgestimmt und somit ungeeignet. Auch die Angaben zum Material des Beutels informierten lediglich darüber, dass nachwachsende Rohstoffe verwendet wurden. Dass aber auch andere nicht biologische Zusatzstoffe eingesetzt werden, die nicht oder wesentlich langsamer verrotten, stehe nicht auf dem Behältnis. Deswegen sei auch der angegebene Zeitraum zur Kompostentwicklung allenfalls vage.

1400 Tonnen Bioabfall

werden verbrannt

Der AWB liefere den Inhalt der braunen Tonnen aber an einen professionellen Kompostbetreiber. Und der wiederum dürfe nur “nach Gütesiegel zertifizierten Kompost” weiterverkaufen. Das ist die Gesetzeslage in der Abfallwirtschaft. Die Lage im Kreis ist: Mehr als 12 000 Tonnen Bioabfall müssten derzeit jährlich über geeignete Verwertungsanlagen teuer nachbehandelt werden, sagt Caliari. “1400 Tonnen sind nicht mehr zu retten und kommen in die Müllverbrennung. Das verursacht erhebliche Logistik- und Entsorgungskosten, die gegebenenfalls höhere Abfallgebühren verursachen, es ist schlecht für das Klima und der wertvolle Rohstoff Kompost wird zerstört.”

Und was soll Ruth Zipp tun, die eigentlich zur Kompostproduktion beitragen will? Bernd Caliari empfiehlt Kompostbeutel entweder aus Papier oder aus Zeitungspapier. Natürlich dürfe eine Handvoll Kartoffelschalen aber nicht in einen ausgelesenen Hochglanzprospekt gepackt werden. Das sei klar. Ein Doppelblatt der Zeitung genüge, findet er. Für die Kompostentwicklung wäre das jedenfalls ein Gewinn. Für Ruth Zipp langfristig vielleicht versöhnlich. Denn das möchte er auch mal deutlich machen, sagt Caliari: Die Mitarbeiter vom AWB, die zur Mülltonnen-Kontrolle ausschwärmen, verteilten auch grüne Karten als Anerkennung der einwandfreien Abfallentsorgung.

Was in die Biotonne darf

“Mit der richtigen Befüllung der Biotonnen kann jeder einen großen Beitrag zur Schließung eines wichtigen Stoffkreislaufs beitragen”, sagt Bernd Caliari, Betriebsleiter des Abfallwirtschaftsbetriebes Limburg-Weilburg. Bioabfälle müssen so beschaffen sein, dass sie von Kleinstlebewesen, Bakterien und anderen Mikroorganismen in kürzester Zeit in Kompost umgewandelt werden können und weder die technischen Behandlungsschritte stören noch bei der Güteüberwachung des hergestellten Komposts zu Beanstandungen führen.

Ob etwas in die Biotonne darf oder nicht, kann man grundsätzlich an dem Merkmal “Natürlichkeit” festmachen. Ist etwas in der Natur gewachsen, darf es in die braune Biotonne, wie zum Beispiel:

Grün- und Gartenabfälle

alle verrottbaren Küchenabfälle

verdorbene Joghurts (ohne Becher)

abgenagte Knochen, Soßenreste.

Idealerweise wickelt man Gemüse- und Obstreste, Kaffeefilter und Teebeutel in verrottbares Zeitungs- oder Küchenpapier ein.