Beninbronzen: Chroniken dieser Kriegerkönige – Spektrum dieser Wissenschaft

Als van Nyendael 1701 in Benin-Stadt war, lässt er nichts über die Reliefs verlautbaren. Offenbar waren sie in der Zwischenzeit abmontiert und in einem Depot eingelagert worden. Auch aus diesem Grund dürfte kaum eine der quadratischen Metallplatten jünger als rund 400 Jahre sein. Unabhängig davon nutzten die Könige und die Würdenträger des Palastes sie wohl weiterhin als Staatsarchiv. Wahrscheinlich waren die Stücke dazu in einer sinnvollen Anordnung abgelegt. Die Briten hatten diese Einteilung durch ihre Plünderungen unwiederbringlich zerstört und damit auch die einzigen Aufzeichnungen der sonst mündlich überlieferten Geschichte.

Um ihre Kriegskasse aufzubessern, verkauften die Briten zwischen 1897 und 1900 viele der geraubten Kunstwerke an Sammler und Museen. Was seinerzeit keiner der Käufer berücksichtigte, war der kultur- und religionsgeschichtliche Kontext der Stücke. Anders als etwa die Objekte des alten Ägypten oder der antiken Mittelmeerkulturen, zu denen die einheimische Bevölkerung kaum noch einen ursprünglichen Bezug hatte, besaßen und besitzen die meisten Stücke aus Benin immer noch eine kulturelle Funktion.

So waren die berühmten Bronzeköpfe, ob sie nun konkrete Herrscher früherer Zeiten oder das Königtum an sich repräsentierten, Bestandteile von Ahnenaltären, an denen rituelle Handlungen vollführt wurden. Skulpturen von Hähnen etwa, die auch als lebendige Tiere geopfert wurden, stellten die Königin oder Königinmutter dar. Die Mutter des Thronfolgers trug den Namen »der Hahn, der am lautesten kräht«, wahrscheinlich in Anspielung auf den Einfluss, den sie auf die Politik des Landes nehmen konnte. Zusätzlich waren die Ahnenaltäre mit geschnitzten Elefantenstoßzähnen geschmückt, die laut Leonhard Harding »als Buch der Kultur Benins gelesen werden« können. »Sie dienten dem Gedenken an einen Herrscher und wurden auf einem in Bronze gegossenen Gedenkkopf montiert«, erklärt der Historiker.

Auch Ornamente, die als Teil der Kleidung getragen wurden, sollten eine magisch-religiöse Wirkung entfalten – etwa die Königinnenmasken aus Elfenbein. Bei bestimmten Zeremonien des Ahnenkults heftete man sie als Hüftschmuck an. Sie zeigen das Gesicht der sagenumwobenen Königin Idia, der stellvertretenden Regentin für den zunächst minderjährigen Oba Esigie im 16. Jahrhundert. Nur fünf Exemplare solcher Masken sind bekannt, und alle fünf befinden sich heute in Europa oder Amerika. Für ein Stück, das 1960 von Sotheby’s versteigert wurde und bald darauf ins Seattle Art Museum gelangte, sind die genauen »Fundumstände« überliefert: »Von Dr. Robert Allman, dem leitenden Arzt der britischen Strafexpedition, am 16. Februar 1897 aus einer Kiste im Schlafzimmer des Oba im königlichen Palast von Benin-Stadt entnommen.« Auf nicht wesentlich andere Weise gelangten wohl auch die vier Parallelstücke in den Besitz der britischen Invasoren. Immerhin zog das Auktionshaus Sotheby’s im Dezember 2010 die Versteigerung der einzigen noch auf dem freien Kunstmarkt befindlichen Elfenbeinmaske zurück.

Metall – eine wichtige Importware

Inzwischen gibt es zahlreiche Forschungsprojekte, die sich den Objekten widmen, beispielsweise eine laufende Kooperation zwischen dem Münchner Museum Fünf Kontinente und der Fakultät für Materialanalysen der Universität Barcelona. Die Wissenschaftler wollen die Metalllegierungen der Beninbronzen bestimmen, um ihr Alter zu ermitteln. Für die Datierung nutzen sie eine radiometrische Methode, die auf dem Zerfall des Bleiisotops 210Pb beruht. Die Experten versuchen so, etwaige Unterschiede zwischen den alten Stücken vor der Eroberung und solchen aus dem 20. Jahrhundert zu ermitteln. Denn die Produktion von Metallarbeiten nach den alten Vorgaben ging auch nach der Absetzung des Oba weiter.

Die Gilde der königlichen Bronzegießer fertigt die Skulpturen seit jeher mit Hilfe des Wachsausschmelzverfahrens. Dazu formt der Handwerker, vereinfacht gesagt, das Bildnis in Wachs, ummantelt es mit Ton, brennt das Gebilde und gewinnt so eine Hohlform, die er anschließend mit Metall ausgießt. Hat sich der Guss abgekühlt, wird die Form zerschlagen und die Skulptur nachgearbeitet. Das heißt, jedes Kunstwerk ist ein Unikat, auch wenn sich die Reliefs und Gedenkköpfe motivisch ähneln.

© Werner Forman / akg-images / picture alliance (Ausschnitt)

Palast | Zwei Krieger nebst Dienern bewachen einen Zugang zu einem Palastgebäude. An den Säulen hängen Reliefs. Auf dem Schindeldach erhebt sich ein Turm, von dem eine Schlangenskulptur herabhängt. Mit diesen Details beschreibt auch der Gelehrte Olfert Dapper im 17. Jahrhundert den Palast des Oba. Relief im Ethnologischen Museum in Berlin.

Wenn bei den Metallarbeiten aus Benin immer von Bronzen die Rede ist, entspricht das nicht ganz den Tatsachen. Eigentlich bestehen die Reliefs und Porträtköpfe aus einem Gemisch unterschiedlicher Metalle. Die Legierungen änderten sich im Lauf der Zeit – je nachdem, aus welchen Quellen die Könige ihre Rohstoffe bezogen. Auch haben die Handwerker Stücke wieder eingeschmolzen und so die Bestandteile neu vermischt. Tatsächlich enthalten die Werke ziemlich wenig Zinn oder Zink – zu wenig, als dass es sich um echte Bronze (Kupfer-Zinn-Legierung) oder Messing (Kupfer-Zink-Legierung) handeln könnte. Deswegen bezeichnen Wissenschaftler die Objekte auch als Gelbgussarbeiten.

Naturwissenschaftliche Analysen haben zudem ergeben, dass die Anteile der verschiedenen Metalle im Lauf der Zeit variierten. Anfangs scheint die Gießerzunft nur über wenig Rohstoffe verfügt zu haben, nämlich fast nur Kupfer aus der Südsahara mit natürlichen Beimengungen an Zink und Blei. Durch den Handel mit den Portugiesen erschlossen die Künstler neue Rohstoffquellen. Die Legierungen der Gelbgussarbeiten besaßen nun einen kontinuierlich steigenden Zinkgehalt. Die Europäer verhandelten das Metall als normierte Stangen oder in Form von so genannten Manillas (portugiesisch »manilha«, Arm- oder Fußreif), hufeisenförmig gebogenen Ringen. Allein der portugiesische Handelsstützpunkt Elmina im heutigen Ghana soll 302 920 Manillas zwischen 1511 und 1522 verbucht haben. Bis zur britischen Expedition von 1897 durfte nur der Königshof das Metall einführen, danach bis weit ins 20. Jahrhundert diente es in Teilen Benins als Zahlungsmittel und Tauschobjekt.

Die genaue Datierung der Beninbronzen bereitet vielen Expertinnen und Experten noch Kopfzerbrechen. Gerade die Gedenkköpfe lassen sich weder stilistisch noch naturwissenschaftlich einwandfrei datieren, geschweige denn einzelnen Herrschern zuordnen, deren Namen und genaue Regierungsdaten auf Grund der mündlichen Überlieferung überdies oft unsicher sind. Gewiss ist hingegen: Die Kunstwerke aus Benin, die sich in europäischen und amerikanischen Sammlungen befinden, haben eindeutig benennbare Vorbesitzer. Es sind der Staat Nigeria und die Herrscherfamilie der Oba. Für sie ist es verständlicherweise ein untragbarer Zustand, dass praktisch das gesamte nationale Erbe auf Museen außer Landes verteilt ist.

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