Baut die Rückhalt von Wissenschaft aus

Wir brauchen neue Ideen. Dafür müssen zusätzliche Cluster eine Chance bekommen. Der Gastbeitrag von Angela Dorn.

Selten war die Bedeutung von Wissenschaft so sichtbar wie in der Corona-Pandemie. Schnelle Erkenntnisse über das Virus, in großer Zahl verfügbare Impfstoffe und Tests. Eine leistungsfähige, innovative Wissenschaft rettet Leben. Ob Erderhitzung und Artensterben, globale Migration, Digitalisierung oder das Auseinanderbrechen der Gesellschaft: Wie zukunftsfähig unsere Gesellschaft ist, hängt auch davon ab, wie gut die Antworten der Wissenschaft sind.

Hierzulande investieren Bund und Länder seit 2006 jährlich rund eine halbe Milliarde Euro in die Exzellenzstrategie für die Spitzenforschung. Sie hat erheblich dazu beigetragen, den Wissenschaftsstandort voranzubringen. 2026 tritt sie in eine neue Förderphase – jetzt ist der Zeitpunkt, über ihre Weiterentwicklung nachzudenken. Die Welt hat sich weitergedreht, auch und gerade die Welt der Wissenschaft.

Dazu gehört die Einsicht, wie wichtig interdisziplinäre Vorhaben sind. Unter den geförderten Forschungsverbünden, den sogenannten Exzellenz-Clustern, ist mehr als die Hälfte in nur einem Wissenschaftsbereich angesiedelt.

Corona hat gezeigt: Zur Bewältigung einer Pandemie braucht es neben der unverzichtbaren Arbeit der Virologie auch Sozialwissenschaft, IT-Technik, Ökonomie und Verhaltenspsychologie, eine optimale Verzahnung von der Analyse großer Datenmengen über die Abwägung empfohlener Schritte auf ihre Auswirkungen in Gesellschaft und Wirtschaft bis zur Übersetzung in echte Verhaltensänderung.

Innovative Lösungswege entstehen auch in der Grundlagenforschung aus dem Zusammenspiel unterschiedlicher Disziplinen. Das muss die Exzellenzstrategie stärker unterstützen. Antragstellende, die einen neuen Energieträger von der materialwissenschaftlichen Eignung über die wirtschaftliche Effizienz bis hin zur gesellschaftlichen Akzeptanz untersuchen wollen, dürfen es im Wettbewerb nicht länger schwerer haben als etwa ein Projekt, das allein physikalisch-chemische Eigenschaften untersucht.

Insbesondere brauchen wir eine viel stärkere Beteiligung der Sozial- und Geisteswissenschaften. Wir dürfen die Gestaltung so grundlegender Veränderungen wie der Digitalisierung nicht allein Informatik und Ingenieurwissenschaften überlassen, wir brauchen die Verbindung zu Soziologie, Ethik und Kulturanthropologie, die ganze Vielfalt der Wissenschaft. Die großen Clusterformate in der Exzellenzstrate-gie sind gerade für die Geisteswissenschaften ein Problem, weil ihr Finanzbedarf oft nicht so groß ist; sie brauchen keine kostspieligen Apparate, und ihre größte Produktivität entfalten sie nicht zwingend in großen Verbünden – derzeit kommen auch nur 18 Prozent der Cluster aus diesem Bereich. Vielleicht müssen wir eine eigene Förderlinie schaffen, um sie angemessen zu beteiligen.

Es braucht den Wettbewerb in der Forschung, die besondere Förderung der Spitze, denn er verbessert die Qualität und bringt Innovationen hervor. Die Schwierigkeit besteht darin, den Wettbewerb immer wieder in die richtige Balance zu bringen, die auch Kooperation stärkt, nicht Mainstream perpetuiert oder nur die Starken weiter stärkt.

Die Exzellenzstrategie braucht neue Formate, um neben den schweren, hoch leistungsstarken Tankern der Exzellenzcluster auch kleinere, wendigere Projekte zu unterstützen. Denn wir haben in der Pandemie auch gesehen: Der schnelle Weg von den Erkenntnissen der Grundlagenforschung zu ihrer Anwendung ist in vielen Bereichen wichtig.

Die Weichen für mehr Interdisziplinarität und Innovation, für mehr Vielfalt und für Ergebnisse in Echtzeit stellen wir jetzt. Die nächste Runde der Exzellenzstrategie wird nur erfolgreich sein, wenn auch neue Projekte die Chance auf Erfolg haben. Viele, wenn nicht alle der 57 bestehenden und ohne Zweifel hervorragenden Cluster werden Verlängerungsanträge stellen.

Wenn sie entsprechend den Erfahrungen zum Zuge kommen, hätten bei gleicher Förderhöhe nur etwa zehn neue Cluster eine Chance. Dafür ein aufwendiges Wettbewerbsverfahren aufzusetzen, dass im gesamten Wissenschaftsbetrieb bundesweit erhebliche Ressourcen bindet, ist ineffizient und fördert keine weitergehenden Entwicklungen. So wird die Motivation für neue Forschungscluster, sich auf den arbeits- und kostenintensiven Weg zu machen, gegen Null gehen.

Wir brauchen neue Ideen, und dafür müssen neue Cluster eine Chance bekommen. Wir müssen also die Gesamtzahl der Cluster vergrößern, damit die Exzellenzstrategie weiter ein zentrales Instrument der Wissenschaftspolitik bleibt. Und wenn wir die Gesamtzahl erhöhen, lohnt es sich, bestehende Formate zu erweitern oder anzupassen. Denn nur mit einer exzellenten, interdisziplinären und in Krisen leistungsfähigen Wissenschaft bleiben wir handlungsfähig.

Angela Dorn ist hessische Ministerin für Wissenschaft und Kunst.

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