Anonyma: Welcher Sex ihres Lebens, Literarische Welt Daily


8. Oktober, Morgenupdate: Die Anonyma über den Sexual intercourse ihres Lebens

Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Buch:

Eine Anonyma über Sexual intercourse? Weiß man, wer sie ist?

Na ja, es heißt, eine Frau in den Medien. Könnte jede Journalistin mit einem mittelaufregenden Leben zwischen 30 und 60 geschrieben haben: die Männer, der Intercourse, die Bedenken.

Second, interessiert es keinen, wer die Autorin ist?

Nicht wirklich. Diese sexuelle Biografie wirkt so routiniert erzählt, durchgeplant komponiert, stilistisch geglättet – paradoxerweise unleidenschaftlich.

Sind die Sexszenen wenigstens, na ja, sexy?

Also, bei der Französin Catherine Millet sind sie besser. Und bei der Amerikanerin Lisa Taddeo wird aus ihnen mehr abgeleitet. Ach, von de Sade muss male gar nicht anfangen, aber …

Der war auch keine Frau! Nur wenige Schriftsteller können über Intercourse gut schreiben. Wie schreibt die Anonyma?

Also: „Im Spannungsfeld zwischen Begehren und Verführung sagte ich selten Nein.“ Und: „Sein Audio bringt in mir etwas zum Klingen wie eine Stimmgabel.“

Danke, reicht schon. Ist das also so eine Art postmoderne Selbsthilfeliteratur?

Wenn man es sehr hoch hängt, könnte person sagen: Hier geht’s um die Suche nach dem richtigen Gefühl. 50 Shades of Gefühl.

Muss ich das lesen?

Wer mitreden will, welche neuen Trends gerade entstehen und wie sie marktfähig präsentiert werden, unbedingt: mittelsexy Selbsterkundung in mittleren Jahren funktioniert offenbar. Alle anderen: lieber de Sade.

Anonyma: Der Intercourse meines Lebens. Kein Liebesroman. Ullstein, 192 Seiten, 19,99 Euro.

7. Oktober, Morgenupdate: Diese Länder hatten schon genug Literaturnobelpreise

Am Donnerstag, dem 7. Oktober, um 13 Uhr ist es wieder einmal so weit: Die Welt erfährt, wer den Literaturnobelpreis 2021 zugesprochen bekommt. 2020 wurde die US-Lyrikerin Louise Glück ausgezeichnet, die vorher selbst Kritikern kaum ein Begriff war. Die gelegentliche Wahl von Außenseitern gehört zu den schrullig-schönen Eigenheiten der Schwedischen Akademie, die seit 1901 insgesamt 117 Nobelpreise für Literatur vergeben hat: 101 mal an Männer, 16 Mal an Frauen, was einem Missverhältnis von 86 zu 14 Prozent entspricht.

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Natürlich kann male neben Geschlechtern auch Nationalitäten zählen. Die meisten Literaturnobelpreise gingen demnach an Frankreich, wobei die absurde Zählung halber Nobelpreise (bei Wikipedia) dadurch zustande kommt, dass Autoren mit zwei Nationalitäten nur halb einer Country zugerechnet werden: Iwan Bunin etwa lebte, als er den Preis 1933 bekam, als gebürtiger Russe staatenlos in Frankreich. Anders als bei Olympia treten Schriftsteller nicht für Nationen an, obschon die sich gern damit schmücken.

Österreich beispielsweise war im letzten Vierteljahrhundert mit Peter Handke (2019) und Elfriede Jelinek (2004) genauso erfolgreich wie Deutschland mit Günter Grass (1999) und Herta Müller (2009). Wetten für den aktuellen Jahrgang sind, wie jedes Jahr, volatil. Das Portal hält uns tagesaktuell auf dem Stand. Und wenn Sie die acht deutschen Nobelpreisträger ohne Hermann Hesse (Schweiz) auswendig wissen, sollten Sie an einer Quizshow teilnehmen. rei

6. Oktober, Morgenupdate: Abschied von der romantischen Liebe

Das Adjektiv „allein“, ergänzt um eine Präzisierung, wo wer mit wem allein ist, verweist auf Komödienstoff: „Kevin – Allein zu Haus“, „Allein unter Frauen“, „Allein mit Onkel Buck“. Und Komödien, das ist bekannt, enden meist mit einer Hochzeit. Worauf will Daniel Schreiber also mit seinem neuen Buch „Allein“ hinaus?

Das allein stehende Wort im Titel verweist nicht nur visuell auf die kompromisslose Thematik, sondern verrät bereits vor dem Aufschlagen der ersten Seite: Das komödientypische Content Stop in Zweisamkeit wird ausbleiben. Zwischen philosophischem Essay und persönlichem Memoir changierend, erkundet Schreiber existenzielle Fragen, die in der Flut an Beziehungs- und Freundschaftsliteratur untergehen: Wie akzeptiert man die Aussicht, womöglich keinen Husband or wife zu finden? Was, wenn Freunde eine romantische Beziehung nicht ersetzen können? Und wie verabschiedet male sich von der großen Erzählung der Liebe?

Mit erkenntnisreichen Exkursen über queere, pandemische und suizidale Einsamkeit rückt Schreiber die besondere Problematik sogenannter „uneindeutiger Verluste“ ins Zentrum. Eine munter-melancholische Streitschrift gegen den Daueroptimismus einer durchgecoachten Gegenwart, die propagiert, male könne alles erreichen. Aber was, wenn nicht? Das fragt Schreiber. Mit Worten, so ehrlich, dass sie gleichzeitig wehtun und heilen. Marie-Luise Goldmann

Daniel Schreiber: Allein. Hanser Berlin, 160 Seiten, 20 Euro.

5. Oktober, Morgenupdate: Schwangerschaft als Emanzipation

Frau Shibata hat endgültig genug vom Kaffeekochen, und so beschließt sie spontan, schwanger zu werden. Das klingt nicht nur aberwitzig, das ist es auch! In Emi Yagis hochkomischen wie intelligentem Roman „Frau Shibatas geniale Idee“ wird eine imaginäre Schwangerschaft zu einer emanzipatorischen Entscheidung.

Frau Shibata ist Angestellte in einer Papierwarenfabrik. Obwohl sie studiert hat, ist sie Mädchen für alles. Fürs Kaffeekochen, Abwaschen, Müllentsorgen. „Mir wurde nie explizit gesagt, all das sei Teil meiner Arbeit, aber wenn ich es nicht tat, wurde ich mit einem ‚Mikrowelle!‘ darauf hingewiesen. ‚Frau Shibata, Mikrowelle!‘ Ich hieß nicht Mikrowelle.“

Das muss ein Ende finden. Also erfindet Frau Shibata eine Schwangerschaft. Von nun an darf sie sich schonen, das Büro bereits nach der regulären Arbeitszeit, nicht erst nach vielen Überstunden verlassen. Ihr Leben verändert sich radikal. Sie hat Zeit zum Essen und Kochen, kann Entspannungsbäder nehmen. Während der Tension von ihr abfällt, nimmt sie rasch ein paar Pfund zu. Klar, sie ist schließlich schwanger.

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Emi Yagis Roman zeigt mit bitterböser Komik die zutiefst sexistische Struktur der japanischen Gesellschaft, die sich obendrein mit einer brutalen Arbeitskultur mischt. Auf dem Höhepunkt des Romans darf eine junge Mutter einen wütenden Monolog in Richtung der chauvinistischen Männer schmettern.

Während der Leser darauf wartet, dass Frau Shibatas Lüge auffliegt, ereignet sich ein Wunder: Nach einer Begegnung mit dem Bildnis der Jungfrau Maria und einem imaginären Zwiegespräch zwischen den beiden Wundermüttern, scheint auch Frau Shibatas Baby ganz authentic zu werden. Wunderbar übersetzt von Luise Steggewentz lädt der Roman zum ungläubigen Staunen ein. Heiterer und zugleich treffsicherer war ein feministischer Text selten. Marlen Hobrack

Emi Yagi: Frau Shibatas geniale Idee. Aus dem Japanischen von Luise Steggewentz. Hoffmann & Campe, 208 Seiten, 21 Euro.

4. Oktober, Morgenupdate: Die modelnde Retro-Feministin

Emily Ratakowskij kann gentleman als typisches Zeichen unserer Zeit lesen: einerseits Design, andererseits Aktivistin, Unternehmerin, Influencerin, mitten im konventionellen Mainstream, dabei aber aggressiv progressiv gestimmt Walter Benjamin hätte seine Freude gehabt. Dass die 30-jährige Ratakowskij nun auch noch ein Buch geschrieben hat, also ihrem Standing der Multifunktionsberühmtheit ein „und Autorin“ anfügen kann, passt da ins Bild.

Erkundet Sexualität und Macht: Emily Ratajkowski

Erkundet Sexualität und Macht: Emily Ratajkowski

Quelle: pa/abaca/Marechal Aurore/ABACA

Dass es sich bei „My Body“ (Metropolitan, 256 Seiten, 26 Greenback) um ein beinahe retro-feministisches Werk handelt, nicht ganz. „My Body“ sei eine „zutiefst persönliche Erkundung von Feminismus, Sexualität und Macht“ gibt der Verlag an, der Autorin ginge es um die „Behandlung von Frauen durch Männer und die Rationalisierungsstrategien von Frauen, die diese Behandlung akzeptieren“, die Fetischisierung von weiblicher Schönheit durch den männlichen Blick, die „Grauzonen zwischen Zustimmung und Missbrauch“. Klingt nach einer Mischung aus Jia Tolentino und Lena Dunham und ist wohl die nächste Ausprägung der amerikanischen neofeministischen Theorie. deli